Autor und Historiker Michael Wildt im kulturradio-Studio; Foto: Carsten Kampf

- Wildt: "AfD-Volksbegriff widerspricht dem Grundgesetz"

In 13 Landtagen ist die AfD bereits vertreten, jetzt sitzt sie auch im Bundestag. Und ihr Spitzenpersonal spart nicht mit markigen Worten. "Wir wollen uns unser Land und unser Volk zurückholen" - hat Spitzenkandidat Alexander Gauland am Wahlabend gesagt. Der Historiker Michael Wildt von der Berliner Humboldt-Universität kommt in seinem Buch "Volk, Volksgemeinschaft, AfD" zu dem Schluss, dass das Volk eine Art Auslaufmodell ist. Dietmar Ringel hat mit ihm gesprochen.

Die Staatsgewalt wird vom Volk ausgeübt - so steht es in unserem Grundgesetz. Das Volk ist fraglos eine zentrale Kategorie der Demokratie, was ja nichts anderes als "Volksherrschaft" bedeutet, räumt auch Michael Wildt ein - aber: "Man kann gar nicht so genau bestimmen, wer nun das Volk ist. In den USA des 18. Jahrhunderts gehörten Frauen gewiss nicht dazu, auch keine Farbigen. Auch bei der französischen Revolution machten nur weiße Männer das Volk aus", erklärt der Historiker. Und auch die AfD habe ein deutlich ein anderes Volksverständnis als jenes, was im Grundgesetz steht, kritisiert er.

Deutliche Worte für Alexander Gauland

Die AfD glaube eher an eine völkische Definition: "Die AfD behauptet für sich, Wir sind das Volk oder Wir holen uns das Volk zurück! Wir sollten kritisch darüber nachdenken, ob wir uns in Debatten begeben sollten, wer zum Volk gehört und wer nicht – oder ob wir nochmal ganz grundsätzlich über die Kategorie Volk nachdenken sollten", regt Wildt an. Klar sei: Menschen, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben, gehören zum deutschen Volk. Der künftige AfD-Fraktionschef im Bundestag, Alexander Gauland, habe mit seinen Worten in Richtung der Integrationsbeauftragten Aydan Özoguz, die er am liebsten "in Anatolien entsorgen" will, den wahren Volksbegriff seiner Partei offengelegt: "Özoguz hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Insofern ist der Volksbegriff der AfD nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar."

AfD "missinterpretiert" den Volksbegriff

Mit Gaulands Aussage noch am Wahlabend, nach der er nun "unser Volk zurückholen" wolle, zeige, dass er nicht den Volkswillen hinter dem Wahlergebnis sieht - immerhin haben 87 Prozent der Deutschen NICHT AfD gewählt. Gauland beweise vielmehr damit, "dass er ein anderes Volk meint, was jetzt zurückgeholt werden muss. Diese Miss-Interpretation des Volksbegriffs werfe ich der AfD-Spitze vor", so Wildt.

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