Martin Patzelt
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Bild: imago/Jürgen Heinrich

- Martin Patzelt - was ist konservativ?

Nach dem Wahlerfolg der AfD und den Verlusten der Union beginnt nach und nach eine Debatte über die Ausrichtung von CDU und CSU. Was bedeutet konservativ eigentlich für die Union? Wie konservativ will man sein? Darüber spricht unser Hauptstadt-Korrespondent Alex Krämer mit einem Politiker, der sich selbst als konservativ bezeichnet - und es geschafft hat, seinen umkämpften Wahlkreis im Osten Brandenburgs gegen den AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland zu verteidigen: Martin Patzelt.

Martin Patzelt ist ein Konservativer - was bedeutet das für ihn eigentlich genau? "Im engsten Sinne des Wortes die Konserve, die ich brauche, um zu überleben. Das heißt: Die kollektiven Erfahrungen, die wir Menschen in der Vergangenheit gemacht haben, aus denen wir lernen können und die uns vor Schlimmerem bewahren - die möchte ich gern in die Zukunft tragen", so Patzelt.

Natürlich wolle er "nicht nur von der Konserve leben", es müssten auch neue Aufgaben angegangen und gelöst werden - aber für "Durststrecken und für die Wegorientierung brauche ich Konserven".

"Restauration ist für mich immer ein bisschen gefährlich"

Bei der Bundestagswahl trat Patzelt in seinem Wahlkreis gegen einen prominenten Gegenkandidaten an: Alexander Gauland von der AfD. Auch Gauland bezeichnet sich als konservativ - doch Martin Patzelt sieht einen gravierenden Unterschied: Gauland habe ein restauratives Verständnis vom Konservativen. "Restauration ist für mich immer ein bisschen gefährlich, weil ich glaube, man kann Vergangenheit nie einholen und wiederherstellen."

Wer sich Zukunftsaufgaben verweigere und sie durch Löungen aus der Vergangenheit bewältigen wolle - "der ist einfach auf dem Holzweg", so Patzelt.  

"Können wir nicht bei Dir wohnen?"

Im Sommer 2015 nahm Patzelt zwei Flüchtlinge bei sich auf – aus einer konservativen Motivation heraus?  Es gebe keine Entscheidung für die Zukunft, "die nicht getragen wird von irgendwelchen Sicherheiten", sagt Patzelt. Und seine Sicherheiten seien die Wertvorstellungen, "die wir uns als Menschheit mühsam, auch durch leidvolle Geschichte, erworben haben - sagen wir klar: Unser Grundgesetz."

In der Flüchtlingsfrage habe er öffentlich aufgerufen, die Frage zu prüfen, ob man Migranten bei sich zu Hause aufnehmen könnte. Zwei Flüchtlinge seien auf ihn zugekommen und hätten gesagt: "Wenn Du das von anderen verlangst – können wir nicht bei Dir wohnen?" Dann habe er zwei Bedingungen genannt: Ehrenamtliche Arbeit und das Nutzen jeder Möglichkeit, um deutsch zu lernen. "Beides haben sie erfolgreich durchgehalten", betont Patzelt. Durch den engen Kontakt zur Familie seien sie schließlich bei ihrer Integration wesentlich rascher vorangekommen als ihre Freunde aus dem Asylbewerberheim.

"Dann sind wir Irrlichter!"

Durch seine Aufnahme der Flüchtlinge hätten sich auch Einstellungen im Ort positiv verändert - es habe aber auch Probleme im zurückliegenden Wahlkampf gegeben: Viele sogenannte konservative CDU-Wähler hätten ihm signalisiert: "Das war's, wir fühlen uns von Dir verraten!". Das sei es ihm aber wert gewesen. "Das ist nämlich meine konservative Haltung." Wenn man sich nicht mehr an die Werte des Grundgesetzes halte, "dann sind wir nicht mehr Konservative, dann sind wir Irllichter."

Über die Wandlung klassischer konservativer Werte, die Konsequenzen aus der Bundestagswahl und die Frage, ob die CDU überhaupt noch eine konservative Volkspartei ist  - darüber spricht Alex Krämer mit Martin Patzelt.

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