Frische Cherry Tomaten in Box
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Bild: Science Photo Library

- Die absurde Reise der Tomaten

Regionale Lebensmittel stehen hoch im Kurs: Wenn sie nicht lange durch die Gegend gefahren werden, dann spart das Transportkosten und schont die Umwelt, so die Überlegung. Jeder Supermarkt schmückt sich daher mit Werbe-Hinweisen auf regionale Produkte. Allerdings ist die Hoffnung auf frische Produkte ganz aus der Nähe oft trügerisch. Das hat die Niederländerin Annemieke Hendriks bei Reportagereisen herausgefunden, mit denen sie der Tomate kreuz und quer durch Europa gefolgt ist. Über ihr Buch "Tomaten - Die wahre Identität unseres Frischgemüses" hat Gerd Dehnel mit ihr gesprochen.

Die Tomate - jeder kennt sie, die meisten mögen sie, nur wenige wissen, auf welch absurden Wegen sie in die heimischen Supermärkte kommt. Die Niederländerin Annemieke Hendriks ist auf dieses Thema eher zufällig gestoßen. Sie war für ein anderes Buch in Europa unterwegs, als ihr auffiel, dass in ungarischen und rumänischen Supermärkten zahlreiche niederländische Tomatensorten angeboten werden. "Übrigens auch Paprika - im Paprikaland Ungarn! Ich fragte mich: Wie funktioniert das?"  

Niederlande und Mexiko "Welt-Exportmeister" bei Tomaten

Recherchen hätten dann ergeben, dass die Niederlande und Mexiko "Welt-Exportmeister" für frische Tomaten sind. Das sei schon eigenartig, wenn man bedenke, dass in Europa nur fünf Prozent der Tomaten, die angebaut werden, aus den Niederlanden kommen. Italien und Spanien produzierten zwar mehr Tomaten, aber der Eigenbedarf sei in diesen Ländern größer, deshalb liege die Exportrate an frischen Tomaten dort nicht so hoch.

"Da fragt man sich: Ist das eigentlich gut?"

Besonders bizarr dabei: Ein Drittel Tomaten, die die Niederlande ausführen, wurden zunächst importiert, wie Hendriks berichtet. "Da fragt man sich: Ist das eigentlich gut?" Sie habe Jahre gebraucht, "um die Essenz dieser absurden Welt zu verstehen."

Hauptsache lange unterwegs

Der Grund dieser Tomaten-Ströme kreuz und quer durch Europa:  "Auf allen Ebenen der Kette wird Geld verdient", erläutert die Autorin. Man versuche, die Tomaten so lange wie möglich unterwegs zu lassen - denn so lange werde damit auch Geld verdient.

Und da die Tomaten auch immer haltbarer seien, könne man sie auch auf ausgedehnte Reisen schicken. Der Regionalisierungstrend sei mittlerweile "ein Märchen", so Hendriks. In den Supermärkten in Berlin und Brandenburg würden nur noch wenige Tomaten aus der Region angeboten: Der Speckgürtel sei viel zu teuer, um dort Gewächshäuser zu bauen, in Berlin sei das Platzproblem noch viel gravierender. Und der Anbau in Gewächshäusern sei notwendig, da die Freilandproduktion kaum Ertrag bringe.

Niemals Tomaten in den Kühlschrank!

Warum der Tomatenanbau in Gewächshäusern eine Umweltkatastrophe ist, welche unhaltbaren Arbeitsbedingung auf den Tomatenplantagen in Italien und Spanien herrschen, wie gesund Tomaten sind, warum sie niemals im Kühlschrank aufbewahrt werden sollten und ob sie selbst eigentlich noch Appetit auf das Gemüse hat - darüber spricht Annemarie Hendriks mit Gerd Dehnel.

infos im www

tomaten-atlas.de - Tomaten Atlas

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