Hannover-Fanproteste gegen Präsident Kind (Bild: TEAM2/imago)
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Draufgehalten - Ultras auf verlorenem Posten

Hannover 96 mischt die Bundesliga auf. Aber beim Aufsteiger dreht sich alles um die Ultras, die den Vereinsboss loswerden wollen. Dieser Streit könnte den deutschen Klub-Fußball verändern, meint Thomas Kroh in seiner Kolumne "Draufgehalten".

Ultras raus! Hannovers Hardcore-Fans dürfte es gehörig in den kopfeigenen Empfangsgeräten gescheppert haben, als dieser Ruf vieler tausend Stino-Zuschauer am Freitagabend durch das Niedersachsen-Stadion hallte. Der Großteil der Anhängerschaft ist die ewigen Attacken der selbsternannten Retter deutscher Fußball-Kultur gegen Vereins-Boss Martin Kind offensichtlich leid.

Sie wissen, dass ihr Klub ohne die Geld-Infusionen des schwerreichen Unternehmers längst den sportlichen Löffel abgegeben hätte. Dass Kind im nächsten Jahr die Mehrheit von Hannover 96 übernehmen wird, scheint sie nicht zu stören. Der Hörgeräte-Produzent muss sich dann nicht mehr an die 50+1-Regelung der Bundesliga halten, weil er seit zwanzig Jahren im Klub engagiert ist. Und jeder, der Kind kennt, weiß, dass der Mann sich nicht mit einem Startplatz für den zweitklassigen Verlierer-Pokal namens Europa League zufrieden geben wird.

Der Fabrikant hätte es garantiert leichter mit dem aufmüpfigen Teil seines Tribünen-Volkes, wenn er sich nicht ebenso regelmäßig wie unqualifiziert per Interview in die sportlichen Belange einmischen würde. Wie wenig er von diesem Geschäft versteht, beweisen die unzähligen Trainer und Sport-Direktoren, die Kind in seinen zwanzig Jahren bei den 96ern verschlissen hat. Die Liste ist so lang - ein NSA-Rechner würde beim Addieren anfangen zu qualmen.

Das ist höchst unerfreulich und der Entwicklung eines Fußball-Klubs auch nicht förderlich, aber entscheidend ist hier etwas anderes, nämlich die Frage: Gelingt es dem Präsidenten, unterstützt von der Mehrheit der Anhänger, als Mehrheits-Eigner, Hannover 96 an die Liga-Giganten Bayern und Dortmund heranzuführen und auch international konkurrenzfähig zu machen? Sollte er das schaffen, würden viele Vereine, die bislang an der 50+1-Regelung festhalten - nicht zuletzt aus Sorge vor den einflussreichen Ultra-Gruppen - ins Grübeln kommen.

Tradition schön und gut, aber fragen Sie in Kaiserslautern nach, ob der 4-malige Deutsche Meister nicht doch gern wieder einmal im Konzert der Großen mitspielen würde. Die "Roten Teufel" müssen sich seit Jahren durch das dornige Unterholz der 2. Liga schlagen, da wirtschaftlich im Eimer, und stehen derzeit als Tabellenletzter vor dem Absturz in die 3. Liga.

So bedauerlich die Auswüchse im Milliarden-Spektakel Fußball auch sein mögen: Wer die Signale nicht hören will, der muss damit rechnen, dass der Ruf "Ultras raus" eines Tages nicht mehr Aufforderung ist, sondern eine Feststellung.

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Hertha BSC - Olympiastadion (Bild: dpa)
dpa

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