Polizeischüler aus Polen in Brandenburg (Quelle: rbb)
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- "Traumberuf" Polizist - wie ist die Realität?

Hat die Berliner Polizei ein Problem mit dem Nachwuchs? Entsprechende Negativ-Berichte über Schüler mit Migrationshintergrund sorgten in den vergangenen Wochen für viel Aufregung. Inforadio-Reporter Oliver Soos wollte sich selbst einen Eindruck verschaffen. Er traf sich mit einem Polizeianwärter und zwei jungen Migranten, die im kommenden Jahr auf die Polizeiakademie wollen.

Ein Klassenzimmer im Bildungswerk in der Kreuzberger Cuvrystraße: ein kleiner Raum, eine Tafel und etwa ein Dutzend Tische. Zwölf Schulabgängerinnen und Schulabgänger werden hier für die Aufnahmeprüfung der Berliner Polizeiakademie vorbereitet. Das Ganze ist ein Projekt der Senatsverwaltung für Arbeit und Integration. Alle Kursteilnehmenden haben einen Migrationshintergrund.

Gerade ist die Geschichtsstunde zu Ende gegangen, nach der Pause steht Sozial-Training auf dem Programm. Saliha Akil ist 17 Jahre alt, ein zierliches Mädchen mit langen schwarzen Haaren. Der Vater ist Libanese, ihre Mutter Türkin. Vor wenigen Monaten hat Saliha Akil Abitur gemacht, im kommenden Jahr möchte sie sich bei der Berliner Polizei bewerben. "Mein Schwager ist auch dabei. Er hat von seinem Alltag dort erzählt und ich fand das total interessant. Man erlebt jeden Tag etwas Neues, man hat immer neue Fälle. Das ist etwas besonders, etwas abenteuerliches."

Abwechslungsreich und abenteuerlich – so stellt sich auch Davut-Alpay Kücükatil die Polizeiarbeit vor. Der 19-jährige Abiturient mit türkischen Eltern wollte schon als Kind Polizist werden. "Ich will ein Teil der Gesellschaft sein. Als Polizist ist man in einer Position, wo man für Ordnung sorgt. Mein Vater fährt Taxi, meine Mami ist im Einzelhandel. Als sie noch jung waren, wollten sie auch schönere Jobs. Und wer bei der Polizei arbeitet, hat wirklich einen sehr schönen Job."

Davut-Alpay Kücükatil bereitet sich in einer Kreuzberger Bildungseinrichtung auf seine Ausbildung für den Polizeidienst vor.
Davut-Alpay Kücükatil | Bild: Klaus Dieter Freiberg

Eine zweite Chance durch das Bildungswerk

Saliha und Davut-Alpay sind beide der Aufnahmeprüfung für die Polizeiakademie durchgefallen. Grund war der Zwei-Kilometer-Lauftest. Für Saliha, die nicht genug trainiert hatte, war das Tempo zu hart. Davut-Alpay hatte mit einer Bauchverletzung zu kämpfen.

Nun trainieren die beiden Abiturienten regelmäßig und gehen zum Unterricht ins Bildungswerk, um auch beim Wissenstest besser abzuschneiden. Sie habe den allgemeinen Test zwar bestanden, sie habe aber viele Lücken, in Deutsch oder Rechtschreibung, erklärt Saliha. "Was ich gut konnte waren Mathe und logisches Denken", sagt Davut-Alpay. Doch auch er habe während des Tests gemerkt, dass er Lücken habe, etwa in Geschichte oder in der Rechtschreibung. Beide wollen sich nun im Bildungswerk auf eine erneute Prüfung vorbereiten.

Die versäumten Jahre aufholen

Nihat Sorgec leitet das Kreuzberger Bildungswerk. Mit seiner Einrichtung ist er in die Kritik geraten. Hier würden junge Migranten gezielt für den Einstellungstest bei der Polizei fit gemacht, hieß es in Medienberichten. Die Kursteilnehmende erhielten gegenüber anderen Bewerbern einen entscheidenden Vorteil, um die vom Senat gewünschte Migrantenquote bei der Polizei zu erreichen. Nihat Sorgec hat auch böse Mails bekommen, er wurde beschimpft als  Leiter einer "Brutstätte der schwarzen Schafe bei der Polizei". Er sei enttäuscht, dass die Medien so polarisierten, trotz der langjährigen Integrationsarbeit des Bildungswerks. "Wir haben leider noch immer eine Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Im öffentlichen Dienst wollen wir das ausgleichen, und 30 Jahre, die versäumt worden sind, aufholen."

Die Arbeit des Bildungswerks sei erfolgreich, über 85 Prozent der Kursteilnehmer würden den Weg in den Beruf schaffen, erzählt Sorgec nicht ohne Stolz. Das liege zum einen an der sorgfältigen Vorauswahl der Schüler, sie müssen mindesten einen mittleren Schulabschluss haben. Und auch während der Kursphase werde weiter ausgesiebt, Fehlzeiten oder ständige Verspätungen würden angemahnt. "Bis zu 20 Prozent eines Jahrgangs fliegen raus", sagt Sorgec.

Im Bildungswerk wird konsequent durchgegriffen

Im Kreuzberger Bildungswerk wird konsequent durchgegriffen, an der Berliner Polizeiakademie scheint das nicht immer zu funktionieren. Er sei überrascht gewesen über die Skandalberichterstattung, sagt ein Polizeischüler, der anonym bleiben möchte. Denn so chaotisch, wie in den Medien dargestellt, würde er die Polizeiakademie nicht erleben. Doch es gäbe in einigen Klassen Störenfriede. "Es gibt immer wieder einzelne Personen, die den entsprechenden Umgang nicht richtig gelernt haben – ob es nun Machogehabe ist gegenüber Frauen, ob jemand ständig stört oder im Unterricht schläft."  

Vertrauen ist wichtig, aber schwierig

Der Polizeianwärter betont, dass nicht nur türkisch- und arabischstämmige Schüler Ärger machen. Disziplin- oder Respektlosigkeit habe man bei allen: "Ein Araber oder Türke zeigt Respektlosigkeit durch Aufmüpfigkeit, ein Deutscher durch Faulheit." Er wünsche sich mehr Strenge von den Lehrern – härteres Durchgreifen als an normalen Berliner Schulen. "Jetzt sagt man sich in der Ausbildung: Das sind meine Kollegen und wir sollen zusammen Dienst versehen, und dann möchte ich dem auch vertrauen." Vertrauen, wenn es zu brenzligen Situationen kommt: Das kann er sich bei manchen Mitschülern einfach nicht vorstellen. Mit seiner Kritik steht er nicht alleine da. Auch viele andere Polizeianwärter wünschen sich mehr Disziplin.

Pascal Prey ist Vorsitzender der Auszubildendenvertretung des Landes Berlin. Bei einem Besuch der Polizeiakademie hat er gehört, dass viele die Strukturreform vom Dezember 2016 kritisch sehen. Die Betreuung sei früher viel intensiver gewesen. Anwärter und Lehrkräfte hätten berichtet, dass es früher Zug- und Gruppenführer gab, viele davon aus den Einsatzhundertschaften. "Die hatten eine Klasse, für die sie verantwortlich waren. Sie waren permanent ansprechbar für die Anwärter, auch wenn die Sorgen und Nöten hatten. Und jetzt haben die Lehrkräfte das Gefühl, dass sie auch zu wenige sind und dass mehr Personal benötigt wird."

"Wir müssen nach vorne denken"

Zwar gibt es an der Polizeiakademie rund 370 Lehrkräfte für die knapp 2.500 Auszubildenden. Doch die überwiegende Mehrheit sind Praxis-Lehrer, die nur einzelne Kurse anbieten. Eine personalintensive Betreuung, so wie früher, sei mit der gestiegenen Zahl der Auszubildenden nicht mehr möglich. Das sagte der stellvertretende Leiter der Polizeiakademie, Boris Meckelburg in einem Interview mit der Tageszeitung "taz".

Die Schülerinnen und Schüler hätten jetzt Klassenlehrer. Der Unterricht sei reduziert worden zu Gunsten von Praktika in den Polizeidienststellen. Auch von alten Routinen, wie Morgenappell und Kleiderkontrolle, habe man sich verabschiedet. Die Ausbildung sei zeitgemäßer geworden, findet der Berliner Polizeipräsident, Klaus Kandt. "Die Frage ist doch, wie sieht heute eine moderne Ausbildung von Erwachsenen aus. Und ich habe starke Zweifel, ob ich da wirklich zweieinhalb Jahre lang morgens ein Antreteappell machen muss. Andere Bundesländer machen das auch nicht. Wir müssen nach vorne denken."

"Ich hoffe, ich werde nicht Opfer des Drucks"

Zur modernen Polizeiakademie gehört mittlerweile auch, dass über 40 Prozent der Auszubildenden eines Jahrgangs einen Migrationshintergrund haben. Die angehenden Polizeischüler Saliha Akil und Davut-Alpay Kücükatil hoffen, dass das irgendwann nicht mehr als Problem gesehen wird. Und dass sie wegen einzelner Störenfriede nicht unter Generalverdacht gestellt werden. "Ich bin der Meinung, dass man speziell die Leute kritisieren sollte, die aus der Reihe tanzen, und nicht generell die türkischen oder arabischen Anwärter", sagt Saliha. "Natürlich stehten jetzt der Senat und die Berliner Polizei unter Druck. Ich hoffe, ich werde nicht Opfer des Druckes, dass also künftig weniger Polizisten mit Migrationshintergrund eingestellt werden", erklärt Davut-Alpay. Wenn alles gut läuft und Saliha und Davut-Alpay ihre Tests bestehen, wird sich im nächsten Jahr ihr Traum von einer Ausbildung bei der Berliner Polizei erfüllen. 

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Dominik Lenz befragt den Inhaber einer Mühle (Foto: Inforadio/Kattner)
Inforadio/A. Kattner

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