Jugendlicher Flüchtlinge mit ehrenamtlicher Helferin
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- Die Last mit dem Ehrenamt

Was machen die vielen hunderttausenden ehrenamtlichen Helfer nach der großen Flüchtlingswelle vor zwei Jahren? Manche von ihnen haben mittlerweile längerfristig Verantwortung übernommen: als ehrenamtliche Vormünder von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen. Was daran alles hängt und mit welchen Hürden sie auch kämpfen müssen, berichtet Inforadio-Reporterin Anna Corves.

Carola Schubert hat vor eineinhalb Jahren den jungen Flüchtling Amrullah (17) aus Afghanistan in einem Deutsch-Trainingskurs in Berlin-Westend kennen gelernt. Sie hat den Schritt gewagt und die Vormundschaft für den Jungen übernommen. Doch das bedeutet mehr als Behördengänge und Hilfe beim Deutschkurs: Man muss sich wirklich kümmern. Amrullah macht es ihr dabei leicht: er will lernen, will die deutsche Kultur verstehen. Sie nimmt ihn mit in Museen, sie unternehmen Ausflüge. "Amrullah saugt das alles auf wie ein Schwamm", sagt sie.

Was Carola Schubert manchmal an den Rand der Verzweifelung treibt, ist der ständige Nahkampf mit der bürokratie - der Spießrutenlauf von Amt zu Amt, das Gefühl, als lästiger Bittsteller behandelt zu werden. Und das, obwohl die ehrenamtlichen Vormünder die Behörden eigentlich entlasten: Sonst müssten nämlich Amtsvormünder die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge betreuen.

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"Das Prozedere grenzt an Schikane"

Ähnlich ergeht es Gerd Schöttner, ebenfalls Vormund eines 16-jährigen Afghanen. "Das Prozedere bei den Ämtern grenzt an Schikane", sagt er. - Etwa 350 ehrenamtliche Vormünder gibt es in Berlin - für etwa 1.600 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Ein Amtsvormund muss sich um bis zu 50 Flüchtlinge kümmern: Da bleibt keine Zeit, sich um den Einzelfall zu kümmern. Bei der zuständigen Senatsverwaltung für Jugend weiß man das Engagement der Bürgerinnen und Bürger zu schätzen und unterstützt das "Netzwerk Vormundschaft" finanziell. Den Bürokratie-Dschungel sieht auch Sprecherin Sigrid Klebba mit Bedauern, sieht aber auch keine Wege, diesen zu entwirren.

"Eine schöne, bereichernde Aufgabe"

Carola Schubert sieht Amrullah fast täglich; er nennt sie "Mama". Das Verhältnis von Mündel und Vormund ist nicht immer so innig. Nicht jeder Jugendiche will oder braucht das. Und nicht jeder Vormund will oder kann sich so intensiv kümmern. Carola Schubert findet, es ist eine schöne, bereichernde Aufgabe und bereut nicht, sie übernommen zu haben. Bald, an Amrullahs 18. Geburtstag, erlischt ihre Vormundschaft formell. Emotional aber, da ist sich Carola Schubert sicher, wird die Bindung zwischen ihnen bleiben.

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