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rbb PRAXIS

Audio 22.02.12

rbb PRAXIS, 22.02.2012

Gute Heilungschancen bei Hodenkrebs

Heute beginnt der Deutsche Krebskongress im Berliner ICC. Vier Tage lang treffen sich Fachleute, um neue Erkenntnisse über Krebs auszutauschen, zum Beispiel über die guten Heilungs-Chancen bei Hodenkrebs.

Nahaufnahme - Die Reportage

Dr. Anna Elisabetha Poppe (re) und Eva-Maria Reimer - Foto: Sylvia Tiegs

Hören:

Nahaufnahme, Mi 11.01.12 09:45 Uhr

Alt und Jung schreiben Lebensgeschichte

Die "Erzählpaten" ist ein Berliner Literatur-Projekt, bei dem junge Autoren das Leben von Senioren aufzeichnen - und zwar von ganz normalen Menschen, nicht von Prominenten.

Die Idee dazu kam der Berliner Schriftstellerin Larissa Boehning nach der Begegnung mit einer alten Dame, die ihre Lebensgeschichte aufschreiben wollte und dabei Hilfe brauchte. Eine Berliner Seniorenresidenz war von der Idee begeistert und sprach Bewohner der Jahrgänge 1920 bis '27 an. Zehn Männer und Frauen fanden sich - Larissa Boehning vermittelte ihnen jeweils einen Erzählpaten. Diese "Tandems" haben sich seit dem Sommer mehrmals getroffen - jetzt sind die Nachwuchsschriftsteller gerade dabei, die Gespräche zu biographischen Texten zu verarbeiten.

Manche dieser Unterhaltungen haben zu regelrechten Freundschaften geführt, trotz der großen Altersunterschiede. So war es auch bei dem Erzählpaten-Tandem, das Sylvia Tiegs getroffen hat.

Wenn Sie neugierig geworden sind und mehr über die Begegnungen im Rahmen des Projekts erfahren wollen:
Am 21. Februar findet im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße eine Lesung statt, mit einigen der Autoren und ihren Senioren.

Klein und zart sitzt sie in einem eleganten Hosenanzug auf dem Sofa: Dr. Anna Elisabetha Poppe, 89 Jahre alt. In den Gesprächen mit ihrer Erzählpatin wird sie wieder ganz jung - wenn sie zum Beispiel von der Zeit vor dem Krieg spricht, zu Hause, im Saarland - mit ihren Eltern und Geschwistern. Damals war der sogenannte "Heldentenor" Joseph Schmidt ihr musikalischer Liebling ...

Auszug aus dem Lied: "Es wird im Leben Dir mehr genommen als gegeben …"

Für Joseph Schmidt erfüllten sich diese Zeilen auf grausame Weise - der jüdische Tenor starb auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in einem Schweizer Internierungslager. Anna Poppes blaue Augen blicken wehmütig, als sie sich an das Schicksal des verehrten Künstlers erinnert. Sie dagegen hatte es insgesamt richtig gut, sagt sie: ihre Eltern - Vater Eisenbahner, Mutter OP-Schwester - ermöglichten ihr das gewünschte Medizinstudium. So wurde sie - als einer der wenigen Frauen ihrer Generation - Ärztin. Und auch privat gingen alle Wünsche in Erfüllung.

Anna Poppe: Kinder, Enkel, Weltreisen, lieben Mann gehabt - ich kann mich nicht beklagen, sag ich immer wieder!

Von diesen glücklichen Zeiten hat Anna Poppe ihrer jungen Erzählpatin viel berichtet - aber auch von den düsteren Momenten. Und Eva-Maria Reimer, 29, hat fasziniert zugehört. Die Theaterpädagogin und freie Autorin hat schon früher mit älteren Menschen zusammengearbeitet und weiß daher, wie sie behutsam, aber wirkungsvoll Erinnerungen freilegt.

Eva-Maria Reimer: Wir haben uns einmal auch in so ’ne Gedankenreise zurück nach Metz begeben, wo es darum ging, in Gedanken … 

Anna Poppe: .. gedankliche Malerei ...

Eva-Maria Reimer: … genau, in Gedanken zurück zu gehen, und alles genau zu beschreiben. Also, mit dem sogenannten journalistischen Detail zu arbeiten: Welche Farben haben existiert, wie hat sich das Kopfsteinpflaster unter den Füßen angehört, welche Gerüche gab es? Ich kann mich noch gut an die Beschreibung von der Kirche erinnern; dieser Geruch der leichten Fäulnis durch das Stroh, was auf dem Boden gelegen hat, was Sie beschrieben haben – und dadurch kommen die Bilder in den Kopf.

Bilder, die Anna Poppe zurück zur - wie sie sagt - schlimmsten Nacht ihres Lebens brachten, im September 1944 in Lothringen.

Die Alliierten versuchten in der sogenannten "Schlacht von Lothringen", das von den Deutschen besetzte Gebiet wieder zu befreien. Inmitten dieser Kämpfe, zwischen Luftangriffen und Granatfeuer, versuchte die damals 21-jährige Anna Poppe in einer Nacht, sich mit dem Zug von Straßburg zu ihrer Familie nach Metz durchzuschlagen. Das war lebensgefährlich, erinnert sich die alte Dame.

Anna Poppe: Das was der Bahnhofsoffizier mir dann sagte: ich solle mich hinlegen, wenn es donnert in der Ferne, das sind Artilleriegeschosse. Sofort hinlegen und abwarten, bis es aufhört. Dann wieder ein Stück laufen, und beim nächsten Donnern wieder hinlegen. Ja, das habe ich alles beherzigt. Aber ich will mal sagen: diese Nacht, die möchte ich nicht noch einmal erleben! Ich möchte sie keinem Kind, keinem Enkel, niemand wünschen!

Dabei hatte Anna Poppe es gar nicht darauf angelegt, unbedingt und so ausführlich vom Krieg zu erzählen. Einträchtig sitzen die 89jährige Seniorin und ihre 60 Jahre jüngere Erzählpatin auf dem Sofa von Anna Poppes Berliner Seniorenapartment, und die alte Dame guckt die junge Frau nachdenklich an:

Anna Poppe: Wie sind wir drauf gekommen?

Eva-Maria Reimer: Wir sind eigentlich … am Anfang haben wir Spuren gesammelt. Wir haben erstmal über alles Mögliche erzählt, ich hab ganz viele Fragen gestellt, und dann hat Frau Dr. Poppe erzählt, und als sie davon erzählte, hat irgendwas bei mir „kling“ gemacht und wurde ganz, ganz stark berührt. Dass ich gemerkt hab, woa, das ist gerade was, da steckt ganz viel drin. Nicht nur literarisch, zum Schreiben, sondern auch ganz viel von ihr. Weil es so einen großen Teil von ihr ausmacht, und daraufhin bin ich der Spur sozusagen gefolgt.

Aber nur so weit, wie Anna Poppe wollte. Eva-Maria Reimer war jederzeit bereit abzubrechen, sollten die Erinnerungen zu schmerzlich werden. Aber die alte Dame hatte keine Probleme damit - vielleicht, weil ihr Leben eben insgesamt so schön war. Auf meine Frage, ob die Erinnerungs-Gespräche mit der Erzählpatin anstrengend gewesen seien, schüttelt Anna Poppe ihre grauen, wohl frisierten Locken.

Anna Poppe: Nein! Haben Sie den Eindruck gehabt?

Eva-Maria Reimer: Nein, überhaupt nicht - also, im Gegenteil, es war immer eine offene Atmosphäre. Ich hab mich gefreut, wenn ich hierher kam, das war so unsere „blaue Stunde“, sozusagen!

Anna Poppe: Es ging ja von der Sommer- in die Winterzeit, und die Dämmerung kam manchmal dazwischen, und das war ganz angenehm!

Und so hat das ungleiche, aber einander sehr sympathische Pärchen viele Male inmitten Anna Poppes rustikaler Holzmöbel zusammen gesessen, um das Leben der früheren Ärztin nachzuzeichnen: wie sich ihre Familie nach dem Krieg trotz Flucht und Gefangenschaft wieder zusammenfand; die Fortsetzung des Medizin-Studiums, der Umzug nach Berlin, die Geburten der 5 Kinder und die Arbeit als Betriebsärztin der Berliner AOK. Über diese Lebensabschnitte möchte Eva-Maria Reimer auch schreiben - aber die Kriegszeit in Lothringen und die schreckliche Nacht in Metz werden den Kern ihres Textes über Anna Poppe bilden. In Teilen ist er bereits fertig. Fast schade, sagt die 29-Jährige.

Eva-Maria ReimerDa wär’ noch so viel gewesen, was ich hätte fragen wollen - auch Ihre Zeit hier in Berlin, auch als Ärztin, wie Sie tätig waren, wie Sie das erlebt haben; wie es ist, als fünffache Mutter als Ärztin zu arbeiten - so ganz viele Punkte, wo ich das Gefühl hab, okay, das ist jetzt ein Text, der jetzt hier bald beendet sein wird, aber es ist noch nicht alles gewesen, vom Gefühl her.

Sylvia Tiegs: Eigentlich könnten Sie über Sie ein Buch schreiben!

Eva-Maria Reimer: Ja, eigentlich könnte ich ’n Buch drüber schreiben, definitiv!

Anna Poppe hätte nichts dagegen - auch sie ist ein wenig traurig, dass die Treffen mit Eva-Maria zu Ende sind. Sie hat gerne gemeinsam mit der jungen Frau auf ihr Leben zurückgeblickt.

Anna Poppe: Ich habe hinterher gesagt, als es vorbei war, dass mich das Ganze sehr bereichert hat!

Stand vom 11.01.2012

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 11.01.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Erzählpaten

Mehr Informationen über das Berliner Literatur-Projekt
[erzaehlpaten.de]

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