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rbb PRAXIS

Audio 22.02.12

rbb PRAXIS, 22.02.2012

Gute Heilungschancen bei Hodenkrebs

Heute beginnt der Deutsche Krebskongress im Berliner ICC. Vier Tage lang treffen sich Fachleute, um neue Erkenntnisse über Krebs auszutauschen, zum Beispiel über die guten Heilungs-Chancen bei Hodenkrebs.

Nahaufnahme - Die Reportage

Daniel Klaus (li) und Ruth Kraft (re) - Foto: rbb Inforadio / Sylvia Tiegs

Hören:

Nahaufnahme, Di 10.01.12 09:45 Uhr

Alt und jung schreiben Lebensgeschichte

Wer zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, ist heute um die 90 - und hat sehr viel erlebt. Erlebnisse, die man unbedingt festhalten sollte, fand eine Berliner Autorin. Und hob das Literatur-Projekt "Erzählpaten" aus der Taufe: dabei haben sich Nachwuchsschriftsteller seit dem vergangenen Sommer mit Menschen getroffen, die ihre Großeltern sein könnten. Und sich unterhalten. Aus diesen Begegnungen entstehen nun biographische Texte, die in den kommenden Wochen veröffentlicht werden sollen.

Wie diese Treffen zwischen sehr Jungen und sehr Alten verlaufen sind, berichtet Sylvia Tiegs - im ersten Teil ihrer Reportage über die "Erzählpaten".


Ruth Kraft: Ich bin geboren 1920, und ’23 kriegte ich mein Schwesterchen, und seitdem reichen meine Erinnerungen. Also - so weit zurück!

Ruth Kraft lehnt sich bequem in ihren Ledersessel, sichtlich froh darüber, wie gut ihr Gedächtnis noch funktioniert. Erinnerungen waren für die 91jährige immer wichtig. Mehrfach hat sie sie zu Büchern verarbeitet: In "Insel ohne Leuchtfeuer", einem Bestseller in der damaligen DDR, waren es ihre Erlebnisse während des Krieges. Mit 80 legte sie ihre Biografie vor. Ihr Leben ist also einer breiten Öffentlichkeit schon bekannt. Und langweilig ist der mehrfachen Groß- und Urgroßmutter mit ihrem - wie sie sagt - "riesigen Bekanntenkreis" - auch nicht. Warum also wollte sie sich mit einem Jahrzehnte jüngeren Fremden treffen, um erneut über ihr Leben zu sprechen?

Ruth Kraft: Na ja, ich muss sagen: für ist das immer ’n Test, ob mein Kopf noch in Ordnung ist. (Lacht). Ich war natürlich auch neugierig, wer da kommen wird.

Es kam - man hört ihn hier kurz lachen - Daniel Klaus: 39 Jahre alt, freier Autor. Die Fähigkeit, schreiben zu können, war Bedingung: die Nachwuchsschriftsteller sollen ja aus den Gesprächen mit den Senioren Texte erarbeiten. Als Daniel Klaus klar wurde, dass "seine" Seniorin zufällig eine gestandene Schriftstellerin ist, hatte er erstmal gemischte Gefühle.

Daniel Klaus: Als ich die Kurzbiografie von Ruth Kraft gelesen hab, das hat mich sofort gereizt, ins Gespräch mit ihr zu kommen, aber es war so, dass ich dachte: entweder, das klappt - oder das geht total daneben, wenn zwei Schreibende aufeinander treffen.

Aber die beiden "Schreibenden" kamen sofort miteinander klar. Auch für Ruth Kraft war das gar nicht so selbstverständlich.

Ruth Kraft: Ich wusste nun nicht, wie er überhaupt zu mir steht und ob da ein Draht sich herausbilden würde, und das hat’s getan. Ich hab mich immer wieder auf die Besuche vom Daniel gefreut.

Weil Daniel Klaus den richtigen Ton fand, sagt Ruth Kraft. Der - aus ihrer Sicht - junge Mann mit dem dunklen Pferdeschwanz und der Nickelbrille lächelt, ein bisschen verlegen.

Daniel Klaus: Anscheinend habe ich den richtigen Ton getroffen - aber ich denke, das lag oder liegt auch daran, dass ich nicht nur befragt habe, sondern dass es wirklich ein Gespräch war. Ich hab auch viel von mir erzählt. Mich interessiert auch immer noch brennend, wie Du das geschafft hast, Familie und Schreiben unter einen Hut zu bringen …

Ruth Kraft: Ja! Zeiteinteilung!

Daniel Klaus: … Zeiteinteilung - wie das mit Familie klappt, ich hab’ auch ’ne kleine Tochter, die ist jetzt 16 Monate, und komm’ mit Schreiben eigentlich grad gar nicht so richtig hin. Dann, wie der Weg in das Schreiben bei Dir war. Und so haben wir uns ja dann auch gegenseitig ausgetauscht. Du wolltest dann auch was von mir lesen, ich hab auch Texte von mir mitgebracht – ja, das war einfach schön, dass ich nicht nur interviewed hab, sondern Du hast auch, glaub ich, viel von mir erfahren. Also, wir wurden beide sehr offen.

Ruth Kraft: Ja!

Diese offenen Gespräche fanden immer in Ruth Krafts gemütlichem Apartment in einer Berliner Seniorenresidenz statt - umgeben von Gemälden, Graphiken und Familienfotos, vielen Büchern und antiken Möbelstücken. Hier begaben sich die alte Dame und der junge Mann auf gemeinsame Reisen durch die Zeit - und dabei ging es nicht nur um unverfängliche Abschnitte wie Ruth Krafts Kindheit im sächsischen Schildau oder ihr Leben als Autorin in der späteren DDR. Sondern auch um ihre Arbeit in der Raketenforschung während des Zweiten Weltkriegs. Sie selbst, sagt die 91jährige, habe mit ihren Kindern immer sehr offen auch über diesen Teil ihrer Vergangenheit gesprochen. Aber:

Ruth Kraft: Ich wusste - jedenfalls wurde uns doch klar - dass es Familien gab, wo die Eltern am liebsten nicht über die Vergangenheit sprachen. Und ich war also auch neugierig, wie der junge Mann aus dem Westen Bescheid wusste. Und ich glaube, ich habe ihm so manches Neue auch mitteilen können, wie wir diese weit zurück liegende Zeit - der Faschismus, der Zweiten Weltkrieg – wie wir das verarbeitet haben, und wie schwierig das doch gewesen ist.

Mit dieser Annahme lag sie genau richtig - und überhaupt mit ihrer Offenheit, sagt Daniel Klaus.

Daniel Klaus: Also, mit meinen Großeltern – mit meinen Großmüttern, muss ich sagen, meine Großväter sind schon länger tot - da war das aber auch so, dass meine beiden Großmütter sehr schweigsam waren. Ich hätte auch gern mehr aus deren Kindheit und Jugend erfahren, und sie waren sehr sparsam mit Informationen, haben da nicht so viel von erzählt. Und das war für mich jetzt auch noch mal – die Gespräche mit Ruth Kraft - klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber mir sind auch meine Großeltern noch mal nähergekommen.

Weil er durch Ruth Kraft so viel mehr über die Zeit erfahren habe, in der seine Großeltern so alt waren wie er heute.

So waren die Gespräche zwischen den beiden am Ende viel mehr als das bloße Erzählen von Lebensstationen. Sie waren viel mehr "rundum schöne, menschliche Begegnungen", bilanziert Ruth Kraft zufrieden in ihrem Ledersessel. Mit erstaunlichen Ergebnissen.

Ruth Kraft: Ich habe wenigen, die ich nur kurz kenne, so viel von mir erzählt wie ihm!

Daniel Klaus strahlt - und nickt. Dass zwischen den beiden 52 Jahre Altersabstand liegen, hätten sie zwischendurch gar nicht mehr gemerkt.

Daniel Klaus: Irgendwann in den Gesprächen hatte ich manchmal das Gefühl, jetzt sind wir beide grad 30! Und das war auch am Ende unseres letzten Gespräches so, genau - dass ich dann gesagt hatte: ‚Wär’ mal interessant gewesen, wenn wir beide uns mal als Gleichaltrige begegnet wären!

Ruth Kraft: Ja! Das fand ich auch sehr interessant! Ja, ja, das war eine sehr gute, interessante Überlegung, und da freue ich mich natürlich auch, dass ich zu viel jüngeren Menschen eine solche Verbindung haben kann!

Und was wird Daniel Klaus jetzt schreiben über die jung gebliebene - und doch eben auch alte Dame Ruth Kraft?

Daniel Klaus: Vielleicht nehme ich ein paar kleinere Episoden aus ihrem Leben, die ich selbst dabei kommentiere, aber ich glaube, das wird sich vor allem auf unsere Beziehung konzentrieren.

Um die 20 Seiten soll Daniel Klaus schreiben; gestalten kann er sie, wie er möchte. Die Initiatorin des Projekts, die Berliner Autorin Larissa Boehning, möchte aus diesem und den Texten der anderen 9 Erzähl-Gespanne ein Buch machen. Für Ende Februar ist im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße eine Lesung geplant.


Stand vom 10.01.2012

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 10.01.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Erzählpaten

Mehr Informationen über das Berliner Literatur-Projekt
[larissasmischgemuese.de]

Daniel Klaus

Die Homepage des Schriftstellers
[danielclaus.com]

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