Szenenfoto: Eine Frau - Mary Page Marlowe (Berliner Ensemble)
Julina Röder
Bild: Julina Röder

- Insgesamt eher schwach - "Eine Frau" am Berliner Ensemble

Das Stück des US-Dramatikers Tracy Letts "Eine Familie" wird an vielen deutschen Theatern gespielt, auch am Berliner Ensemble. Das legt jetzt nach mit der deutschsprachigen Erstaufführung von "Eine Frau - Mary Page Marlowe". Unsere Kritikerin Ute Büsing ging gucken.

Sie ist eine von vielen. Eine mit einem relativ normal verkorksten Leben. "Mary Page Marlowe" durchschreitet im gleichnamigen Skizzenstück nichts minder als eben dieses, ihr Leben, von der Geburt 1946 bis zum Tod 2015. Doch dieser Prozess wird nicht chronologisch erzählt, sondern in elf, ständig zwischen den Zeiten hin- und herspringenden Szenen. Die Inszenierung unterstreicht das durch schäbige Räume in wechselnd ärmlichem Zeitkolorit auf der Drehbühne. Ich fürchte, es dauert für Zuschauer, die den Text nicht gelesen haben, weit in die insgesamt 90 Minuten hinein, bis sie sich in den parallelen Leben der "Mary Page Marlowe", dargestellt von insgesamt vier Schauspielerinnen, zurechtfinden.

Das ist ein Mangel. Ein anderer: Besonders zu Anfang, wenn mit viel Druck und falscher Emphase gesprochen wird, erinnert das an eine Sitcom wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Vielleicht soll in David Böschs Inszenierung tatsächlich so etwas wie Fernsehwirklichkeit herangezoomt werden. Denn diese Frau liefert Episodenstoff: sie säuft. Sie vernachlässigt ihre Kinder, zumindest zum Teil. Sie geht fremd, ohne dabei Spaß zu haben, obendrein noch mit dem Chef. Sie kriegt ihre Teenagerwünsche nach Freiheit und Erfolg nicht überein mit den Rollen-Anforderungen an sie als Mutter, Ehefrau, Geliebte, kleine Angestellte im Steuerbüro. Es zerreißt sie zwischen Autonomiebestreben und sozialem Zwang wie sie in der Therapie zum Ausdruck bringt.

Besonders stark in diesem insgesamt doch eher schwachen Stück gepflegten Boulevardtheaters, das nicht aufregt, aber leider auch nicht besonders anrührt, ist Bettina Hoppe. Sie verkörpert Mary in den mittleren Jahren, die zunehmend vom Verlust eines Kindes und vom Alkohol angeknackste, die dann auch noch mit 3,5 Promille einen Autounfall mit Personenschaden verursacht - und dafür in den Knast geht, gehen will. Sie gesteht ihre Verantwortung, ihre Schuld ein. Und sie sieht die Chance, hinter Gittern trocken zu werden. Den Part der am Ende weisen, in glücklicher dritter Ehe dann sogar komischen Alten, hat Corinna Kirchhoff übernommen. Die Grand Dame des Berliner Theaters hatte schon in Tracy Letts "Eine Familie" eine tabletten- und kontrollsüchtige Mutter gespielt. Jetzt ist sie die, die den Flickenteppich von Marys Leben am Ende einer Grundreinigung hin zum Guten unterzieht. Zum Erfolg macht auch sie "Eine Frau" nicht.

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