Verleihung des Alice Salomon Poetik Preis 2011 an Eugen Gomringer
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- "Kunst und die Macht der Worte"

Seit sechs Jahren prangt das Gedicht "Avenidas" auf der Südfassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf. Der Dichter Eugen Gomringer hatte damit den Alice Salomon Poetik Preis erhalten und es zum Geschenk gemacht. Im Sommer hat sich eine bundesweite Debatte über Kunstfreiheit daran entzündet, denn der Allgemeine Studentenausschuss der Hochschule sieht darin eine "klassische patriarchale Kunsttradition"und will es entfernen lassen. Darüber wurde am Dienstagabend vor Ort in Hellersdorf diskutierte. Ute Büsing war auch dort.

Kritisch denkende und handelnde Subjekte will die Alice Salomon Hochschule zu Sozialarbeitern ausbilden. Interner Diskurs und Lehre setzen auf Feminismus, Gender Theorie, Antirassismus. So gesehen passt Eugen Gomringers Gedicht "Avenidas" wohl wirklich nicht als offizielles Aushängeschild an die Fassade. So das kurze Fazit dieser Berichterstatterin nach zweieinhalb Stunden Diskussion.

Mehrheit für Fassaden-Neugestaltung

Unter den Studierenden, zu 75 Prozent Frauen, und Lehrenden herrscht weitgehend Konsens, "Avenidas" sei es eine "sexualisierte Objektivierung" der Frau. Es erinnere gar an sexuelle Belästigung.

Im prallgefüllten Audimax sind die Befürworter einer Fassaden-Neugestaltung in der Mehrheit. Wie sie auf Anregung des Allgemeinen Studentenausschusses als  Wettbewerb beschlossen wurde. Weil das für die konkrete Poesie maßgebliche, 1951 entstandene Gedicht des heute 92-jährigen Gomringers "eine klassische patriarchale Kunsttradition" reproduziere. Viel zu kurz gedacht, findet Thomas Wohlfahrt, Leiter des Hauses für Poesie. Er würde die durch die Debatte zur sozialen Plastik gewordene Gedichtfassade am liebsten als "Pilgerort" erhalten. Doch die Hochschule tickt anders.

Bilderstürmer und Kunstzensoren?

Ute Büsing findet das Gedicht übrigens historisch und harmlos, wenngleich stark klischiert. Es ist auf Spanisch an der Südfassade mit Blick auf den Alice Salomon Platz angebracht. Damit gehört es zum öffentlichen Raum, aber auch der Hellersdorfer Öffentlichkeit, wie ein Anwohner einfordert?

Sind die Studenten also Kunstbanausen wenn sie die Fassade ihrer Schule "umdekorieren" wollen? Gar Bilderstürmer und Kunstzensoren? Oder wird eine hochschulinterne Auseinandersetzung ideologisch aufgeladen und aufgeblasen? Eine Beobachterin von außen, die österreichische Publizistin Andrea Roedig, wittert eine Stellvertreterdebatte.

Die Podiumsteilnehmer_innen:
Barbara Köhler

Autorin, Alice Salomon Poetik Preisträgerin 2017
Dr. Andrea Roedig
Freie Publizistin, Herausgeberin „Wespennest“
Prof. Dr. Bettina Völter
Prorektorin für Forschung und Kooperationen an der Alice Salomon Hochschule Berlin 
Dr. Thomas Wohlfahrt

Leiter des Hauses für Poesie

Moderation:
Claudia Kramatschek
Literaturkritikerin, Berlin

Der spanische Text des 1953 verfassten Gedichts von Eugen Gomringer lautet wie folgt:

avenidas
avenidas y flores/flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador.

Die deutsche Übersetzung:
Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer.

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