Polizeifahrzeuge stehen am 21.04.2017 in einer Straße in Rottenburg am Neckar (Baden-Württemberg). (Bild: dpa/Christoph Schmidt)

Ermittler: Aktienspekulation als Motiv - BVB-Anschlag: Haftbefehl gegen Tatverdächtigen

Spektakuläre Wende nach dem Anschlag auf den BVB-Teambus: Die Ermittler nehmen einen 28-Jährigen fest. Es ging wohl um Wirtschaftskriminalität - und nicht um Terrorismus. Der mutmaßliche BVB-Attentäter nahm einen Kredit auf und setzte auf fallende Kurse der BVB-Aktie. Für Mittäter gebe es bislang keine Anhaltspunkte. Wir haben Hintergrund-Informationen und Interviews zum Thema zusammengefasst.

Hinter dem Sprengstoffanschlag auf die Mannschaft des BVB steht nach Erkenntnissen der Ermittler eine geplante Aktienmanipulation. Es klingt wie im Krimi: Der Verdächtige soll mit dem Angriff auf einen Kursverlust der BVB-Papiere gesetzt haben, wie die Bundesanwaltschaft mitteilte. Mit den Börsen-Spekulationen habe der 28-Jährige dann wohl viel Geld kassieren wollen. Er war am frühen Freitagmorgen im Raum Tübingen festgenommen worden - am Abend erging Haftbefehl gegen ihn. Der Mann sei dringend tatverdächtig, hieß es in einer Mitteilung der Behörde.

Anhaltspunkte für mögliche Gehilfen und Mittäter bei dem Anschlag gebe es bislang nicht, sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler. Die Behörde behalte diese Frage aber weiter im Blick.

Onlinebank Comdirect soll entscheidenden Tipp gegeben haben

Dem Verdächtigen Sergej W. wird versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Der Mann hat laut Bundesanwaltschaft die deutsche und die russische Staatsangehörigkeit.

Der in Freudenstadt wohnende W. war seit Mitte 2016 als Elektriker in einem Tübinger Heizwerk tätig. Nach dpa-Informationen hatte er von April bis Dezember 2008 - seinen Grundwehrdienst geleistet. Zuvor hatte der "Spiegel" darüber berichtet.

Dem Vernehmen nach kam nach dem Anschlag ein Tipp von der Onlinebank Comdirect. Die "Bild"-Zeitung hatte schon kurz nach Bekanntwerden des Falls darüber berichtet, dass Comdirect-Mitarbeiter gegenüber der Polizei einen Anfangsverdacht auf Geldwäsche geäußert hätten. Banken sind verpflichtet, verdächtige Geschäfte zu melden. Offiziell äußerte sich Comdirect nicht dazu.

Möglicher Börsengewinn des Täters unklar

Wie viel Geld der Verdächtige im Fall des Anschlags auf den BVB-Mannschaftsbus maximal an der Börse hätte gewinnen können, ist noch nicht klar. Das werde derzeit noch berechnet, sagte Köhler. Der 28-Jährige habe drei verschiedene Derivate auf die Aktie von Borussia Dortmund erworben - die meisten davon am Tag des Angriffs selbst.

Unklar ist auch, wie viel Geld der Mann investiert hat. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft nahm der Tatverdächtige für den Kauf der Derivate einen Verbraucherkredit in Höhe von mehreren zehntausend Euro auf. Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) erklärte: "Der Täter hat nach meinem jetzigen Stand 79 000 Euro investiert, um entsprechende Aktienoptionsscheine zu kaufen." Nach "Spiegel"-Informationen soll sich der 28-Jährige einen Verbraucherkredit über 40 000 Euro besorgt haben.

Sicher ist aber: Je tiefer die Aktie des Fußballvereins gefallen wäre, desto höher wäre der Gewinn für den Verdächtigen ausgefallen. Der BVB war im Jahr 2000 als erster deutscher Sportverein an die Börse gegangen.

Täter wohnte im Mannschaftshotel

Der Kauf der Derivate wurde den Angaben zufolge über einen Online-Anschluss des Mannschaftshotels abgewickelt, in dem der Tatverdächtige bereits am 9. April - zwei Tage vor der Tat - ein Zimmer im Dachgeschoss bezogen habe - mit Blick auf den späteren Anschlagsort.

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke zeigte sich befremdet über das mögliche Tatmotiv. "Dass man offensichtlich versucht hat, durch den Anschlag Kurs-Gewinne zu realisieren - das ist natürlich Wahnsinn", sagte er der "Bild"-Zeitung. "Wir werden jetzt im Rahmen unserer Möglichkeiten die Sicherheitsvorkehrungen noch mal dramatisch nach oben schrauben." BVB-Trainer Thomas Tuchel sagte: "Es ist für mich nicht nachzuvollziehen, weder emotional noch rational." Es sei jedoch ein gutes Gefühl, dass der Polizei offensichtlich ein Durchbruch gelungen sei.

Quelle des Sprengstoffs noch unklar

Herkunft und Art des beim Anschlag verwendeten Sprengstoffs waren den Angaben der  Bundesanwaltschaft vom Freitag noch nicht ermittelt. Da bei der Explosion der gesamte Sprengstoff umgesetzt worden sei, seien die Untersuchungen "etwas komplexer und etwas aufwendiger", sagte Köhler. Die Kriminaltechniker müssten etwa Bodenproben untersuchen.

Am Dienstag vergangener Woche hatten vor dem Champions-League-Spiel der Dortmunder gegen den AS Monaco drei Sprengsätze nahe dem Mannschaftsbus gezündet. Die BVB-Spieler waren kurz zuvor mit ihrem Bus vom Mannschaftshotel zum Stadion losgefahren. Bei der Explosion wurde der Abwehrspieler Marc Bartra schwer verletzt. Ein Motorradpolizist erlitt ein Knalltrauma. Das Spiel war wegen des Anschlags um einen Tag verschoben worden.

de Maizière: "besonders perfide Art, mit der Angst der Bevölkerung zu spielen"

Die Ermittler hatten zunächst versucht, Schlüsse aus drei gleichlautenden Bekennerschreiben zu ziehen, in denen ein radikal-islamistisches Motiv für den Anschlag behauptet wird. Die Schreiben waren am Tatort gefunden worden. Nach eingehender Prüfung hat die Bundesanwaltschaft an einem radikal-islamistischen Hintergrund aber erhebliche Zweifel. Auch ein rechtsextremistisches Bekennerschreiben weist nach Angaben der Behörde Widersprüche und Ungereimtheiten auf.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bezeichnete die Schreiben als "besonders perfide Art, mit der Angst der Bevölkerung zu spielen". Wenn sich der Verdacht der Ermittler bestätige, habe der Täter versucht, sich als Terrorist auszugeben, sagte er. Das zeige, dass es richtig sei, in alle Richtungen zu ermitteln.

Interviews zum Thema

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  • Stark fallender Kurs von Aktien an der Börse, Quelle: imago/blickwinkel

    Fr 21.04.2017 | 09:35 - Anschlag wegen Aktiengeschäften: Wie funktionieren Puts?

    Jetzt ist der Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund also auch ein Wirtschaftsthema. Der mutmaßliche Tatverdächtige, den die Polizei festgenommen hat, soll den Anschlag verübt haben, um den Aktienkurs des BVB zu beeinflussen. Offenbar wollte er von einem fallenden Aktienkurs des börsennotierten Fußballvereins profitieren. Christiane Gronau aus der Inforadio Wirtschaftsredaktion erklärt, wie das Prinzip der steigenden und fallenden Kurse funktioniert.

Stichwort: Wie funktioniert eine Verkaufs- oder Put-Option?

Der Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund sollte nach aktuellem Ermittlungsstand wohl einen Kursverlust der BVB-Aktie auslösen. Über Verkaufs- oder auch Put-Optionen habe der am Freitag in Baden-Württemberg Festgenommene hiervon profitieren wollen, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Wie funktioniert dieses Konstrukt?

Im Grunde handelt es sich um eine Wette: Ein Investor spekuliert darauf, dass ein Kurs fällt, die andere Seite - oft eine Bank - hält dagegen und bekommt dafür eine kleine Prämie. Rutscht nun beispielsweise die BVB-Aktie tatsächlich unter den zwischen beiden
Seiten vereinbarten Preis, kann der Investor die Differenz praktisch als Gewinn einstreichen.

Vor allem wenn der Kursrutsch schnell und heftig ausfällt, rechnet sich das für den Investor. Es winkt ihm die Chance, binnen kürzester Zeit seinen Kapitaleinsatz zu vervielfachen. Anders gesagt: Es lassen sich bei Optionsgeschäften mit vergleichsweise geringen Einsätzen große Summen verdienen. Die Details im Falle des BVB liegen allerdings noch im Dunkeln. (Quelle: dpa)

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Dortmunds Trainer Thomas Tuchel nach dem Champions-League-Vierteltfinanale am 12.4.17, Quelle: Martin Meissner, AP

Kritik an BVB-Spiel: "Wir sind keine Tiere"

Nach dem Anschlag auf den BVB-Bus geht die Diskussion über die schnelle Neuansetzung des Champions-League-Spiels gegen Monaco weiter. Zahlreiche Spieler der Dortmunder kritisierten - teils mit drastischen Worten - die Entscheidung, das Spiel keine 24 Stunden nach dem Angriff anzupfeifen.