Sa, 25.05.2013 | 19:11 Uhr
Vom visionären Bauprojekt zum Beton-Ghetto am Rande Berlins: In diesem Herbst feiert die Gropiusstadt in Neukölln ihr 50. Jubiläum. Eine neue Ausstellung zeigt ab Montag, wie sich die berühmteste Großsiedlung der Hauptstadt entwickelt hat. Und sie erklärt, wo es für die Gropiusstadt hingehen kann. EinInforadio-Schwerpunkt am Montag.
"Überall nur Pisse und Kacke. Egal wie neu und großzügig alles von weitem aussieht. Und ich habe die Nase voll."
So beschreibt die 13-jährige Christiane F. Ende der 1970er Jahre die Gropiusstadt. Ihre Worte werden weltberühmt: Millionen Menschen lesen ihre Lebensgeschichte im Bestseller "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, der später auch verfilmt wird.
Die Großsiedlung am Südrand von Berlin ist ihre ganz persönlichen Hölle: Ein sozialer Brennpunkt mit Drogen, Kriminalität und sozialer Verelendung.
Dabei war bei Baubeginn 1962 alles ganz anders geplant, erinnert sich der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann.
"Kreuzberg, Wedding, Neukölln, heute die beliebtesten Quartiere, waren damals Horrorvorstellungen. Dafür ist die Gropiusstadt gebaut, so hat das Willy Brandt auch gesagt: 'Wir wollen eine bessere Stadt bauen.'"
Schlechtes Image zu Unrecht?
Modernes Wohnen statt Altbau-Tristesse, das war der Plan. Doch rund ein Jahr vor dem ersten Spatenstich änderte die Berliner Mauer alles. Plötzlich gab es in Westberlin weniger Platz zum Bauen, und so schossen die Gebäude der Gropiusstadt höher als geplant in den Himmel.
Der Berliner Senat ließ hier vor allem Sozialwohnungen schaffen. Die Gropiusstadt wurde zum Viertel der armen Leute, denen außer einem Dach über dem Kopf nur wenig geboten wurde. Ende der 70er Jahre lasen schließlich Millionen Menschen die Geschichte der Christiane F., und die Gropiusstadt hatte ihr schlechtes Image weg - zu Unrecht.
"Das hat schon damals nicht die ganze Gropiusstadt beschrieben", sagt Frank Bielka. Er ist Chef der Wohnungsgesellschaft Degewo, die hier rund 4.300 Wohnungen verwaltet. Die Probleme von früher seien heute "Schnee von gestern".
"Wenn Sie heute jungen Menschen hier von Christiane F. erzählen, dann ist das so, als ob Opa vom Krieg erzählt."
Die Zeiten haben sich geändert. Nach der Wende wurde die Gropiusstadt zum Schmelztiegel der Kulturen, vor allem Einwanderer aus Osteuropa und der Türkei ließen sich hier nieder. 2001 schaffte der Berliner Senat schließlich den Wohnberechtigungsschein für die Gropiusstadt ab: Auch wer mehr verdient, sollte wieder hier wohnen dürfen.
Und natürlich: Wohnen wollen. Es wird wieder investiert: Bis 2016 will die Degewo rund 90 Millionen Euro in die energetische Modernisierung stecken. Die Mieten sollen trotzdem erschwinglich bleiben.
"Nach Modernisierung sind das Mieten im Schnitt von fünf bis sechs Euro, also auch nicht im Spitzenbereich", sagt Bielka.
Für die, die mehr zahlen können, will die Degewo bald 400 neue Wohnungen in der Gropiusstadt bauen - flach, mit nur vier oder fünf Stockwerken. Dafür sollen zum beispiel wilde Imbissbuden weichen. Ex-Senatsbaudirektor Stimmann, der die Degewo berät, nennt das Kontrollierte Gentrifizierung.
"Wir werten die Gegend auf. Warum soll nicht ein Pilot in der Gropiusstadt wohnen?"
Oder ein Architekt, wie Walter Gropius es war. Der war übrigens nie wirklich zufrieden damit, was aus seinem ursprünglichen Entwurf geworden ist. Er wollte am Ende nicht einmal, dass die Gropiusstadt seinen Namen trägt.
Ein Bericht von Sebastian Schöbel.
Die Ausstellung "Heimat Großsiedlung - 50 Jahre Gropiusstadt" wird vom 23. Oktober bis 25. November in der Forum Factory, Besselstraße 13-14 in Kreuzberg gezeigt. Der Eintritt ist frei.