Do, 20.06.2013 | 08:29 Uhr
Durchgangsstätte, ewige Baustelle, rund um den Fernsehturm zeigt sich Berlin von seiner unansehnlichsten Seite. Am Sonntagmorgen wurde am Alexanderplatz ein 20-Jähriger tot geprügelt. Einfach so. Schon lange haben viele Angst vor diesem städtischen Areal, obwohl hier eigentlich wenige Straftaten passieren. Eine Reportage von Oliver Soos.
Raus aus dem S-Bahnhof Alexanderplatz am Hinterausgang in Richtung Fernsehturm, davor ist die große Baustelle für das Kaufhaus Alea. Am Bauzaun hängt eine Gruppe von Trinkern ab und prostet sich mit Billigbier zu. Auf dem Platz zwischen der S-Bahn-Überführung und dem großen Multiplex-Kino steht ein Polizeiwagen. Mehrere Beamte beobachten das Geschehen, wenige Meter entfernt wurde am 7. Oktober ein 23-jähriger Mann niedergeschossen. Ich laufe weiter Richtung Rotes Rathaus an den Rathauspassagen entlang. Eine Gruppe schnorrender Punks stellt sich mir in den Weg mit klapperndem Plastikbecher: Die Jungs wirken zum Teil schon etwas betrunken, doch aggressiv ist nur ihr kläffender Hund.
"Wir meiden die dunklen Ecken"
Vor einem Eiscafe liegen viele Kerzen, Blumen und Zettel: Die Stelle, an der der Zwanzigjährige in der Nacht zu Sonntag von vermutlich sieben Männern tot geprügelt wurde.
Vereinzelte Passanten laufen vorbei. Auf die Frage, ob sie sich hier in der Dunkelheit noch sicher fühlen, fallen die Reaktionen verhalten aus. Eine mittel-alte Frau erzählt, dass sie um ihre Sicherheit nicht fürchte, aber häufiger an ihre 27-jährige Tochter denke. "Die ist eben auch unterwegs und wenn man das hier sieht, dann macht man sich doch Sorgen".
Zwei etwa Zwanzigjährige wirken auch nicht sonderlich verängstigt. Aber sie haben ihre Strategie gefunden: Im Hellen bleiben und dunkle Ecken des Alexanderplatzes meiden.
Offenbar ohne ersichtlichen Grund...
Durch den kleinen dunklen Park, den Beide umgehen, kam auch das Opfer. Sein 29-Jähriger Begleiter hat der Polizei Beschreibungen des Tathergangs geliefert. Er selber ist mit Schädel- und Jochbeinprellungen davon gekommen und erzählt, dass er mit seinem Freund einen betrunkenen Bekannten am frühen Sonntagmorgen aus einem Club geholt habe.
Vor dem Eiscafe an der Rathauspassage sei der Betrunkene auf einen Stuhl gesetzt worden, um in Ruhe ein Taxi zu organisieren. Ohne ersichtlichen Grund habe dann eine Gruppe Männer dann versucht, ihn von seinem Stuhl zu schubsen.
Der Polizeibericht spricht hier von "aggressiv schimpfenden Männern mit südländischen Aussehen". Der 20-jährige habe sich eingemischt, er wurde von den sieben Männern unfassbar brutal zu Tode geschlagen und getreten. Vermutlich kamen die Angreifer direkt von einer Party aus einer nahe gelegenen Cocktailbar, Zeugen sprechen davon, dass ein Täter nur mit einem dünnen Hemd in dieser kühlen Oktobernacht in Berlin bekleidet gewesen sei.
"Anonymität muss aufhören"
Diese schlimme Tat hätte auch an jeder anderen Stelle in Berlin passieren können, so verteidigt der Streetworker Ulf Kahle-Siegel seinen Alexanderplatz. Er arbeitet seit zehn Jahren für den Verein Gangway als Straßen-Sozialarbeiter rund um den Platz. Er vermutet, dass die Täter gar nicht aus der Gegend stammen und den Ort nur für sich benutzt hätten.
Gefährlicher sei der Platz trotz der schlimmen Geschichten nicht geworden. Aber ganz klar: Pro Tag bewegen sich 350.000 Menschen über den Alex. Diese Konzentration von Menschen sei schon etwas Besonderes, auch in Berlin. Mehr Kameras sind keine Lösung, glaubt der Sozialarbeiter. Aber gegen die Anonymität müsse etwas getan werden mit Spielpätzen, Bänken usw. Damit sich auch Menschen aus der Nachbarschaft gerne wieder hier aufhalten und die dunklen Ecken verschwinden.
Oliver Soos