Fr, 24.05.2013 | 09:13 Uhr
Wie eng sind Neonazis und Rocker-Banden verbunden? Berichte über DNA-Spuren, die zur Zwickauer Terrorgruppe NSU führen, werfen neue Fragen aus.
In der NSU-Affäre führen Hinweise auch ins Rocker-Milieu in Berlin und Brandenburg. Eine DNA-Spur, die nach einer Schießerei vor dem Clubhaus der Bandidos in Berlin-Wedding am 5. Juli gefunden wurde, stimmt zumindest teilweise mit einer Spur aus dem letzten Versteck der NSU-Terrorzelle in Zwickau überein, wie mehrere Medien am Samstag berichten.
Die Bundesanwaltschaft bestätigte lediglich den Fall. Allerdings hätten die bisherigen Ermittlungen keine Anhaltspunkte für strafrechtlich relevante Verbindungen zwischen den Rechtsterroristen und dem Rockermilieu ergeben, sagte ein Sprecher.
Weitere DNA-Tests sind nötig
Den Berichten zufolge hatten nach der Schießerei im Bezirk Wedding Fahnder des Landeskriminalamts Berlin bei der Spurensicherung auf einer Patronenhülse ein DNA-Fragment sichergestellt. Durch die Schüsse waren damals zwei Rocker verletzt worden. Der oder die Täter konnten entkommen.
Später stellten Kriminaltechniker eine teilweise Übereinstimmung der Berliner Spur auf der Patrone mit DNA-Spuren fest, die auf einer Diskette im letzten Versteck des Nazi-Trios in Zwickau sichergestellt worden war. Die Berliner Probe sei aber so schlecht, dass weitere Tests gemacht werden müssten.
Spur auch nach Brandenburg?
Wie am Samstag weiter bekannt wurde, soll eine weitere DNA-Spur auch nach Brandenburg führen. Im Fokus stehen nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa Funde aus dem NSU-Wohnmobil in Eisenach, in dem sich die NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos 2011 erschossen hatten.
Sie sollen mit einem Kfz-Diebstahl in Brandenburg aus dem Jahr 2002 übereinstimmen. Weil der Fall längst verjährt ist, seien die Akten bei der Staatsanwaltschaft inzwischen vernichtet worden. Die Behörde wollte dies nicht kommentieren und verwies auf laufende Ermittlungen.
"Verquickungen schon seit vielen Jahren"
Experten gehen sicher davon aus, dass es sehr wohl Kontakte zwischen der NSU und Rockergruppen gab. Der Rechtsextremismus-Experte Bernd Wagner hält Verbindungen zwischen der Zwickauer NSU-Terrorzelle und Rockern für möglich. Es gebe schon seit vielen, vielen Jahren enge Verquickungen zwischen Personen, die sowohl im politischen Rechtsextremismus als auch im Bereich der Rocker-Kriminalität aktiv seien, sagte der Gründer der Aussteiger-Initiative «Exit» am Samstag im Inforadio.
"Es gibt auch Organisationen, wo diese Personen gerne bereit sind, die Ideologie umzusetzen und sich in kriminelle Projekte einspannen lassen, die politisch von Bedeutung sind."
Nicht alle Rocker arbeiteten mit Nazis zusammen, sagte Wagner. "Aber es gibt Schlüsselfiguren, die eine ... schwer gewalttätige rechtsextremistische Vergangenheit haben." Sie könnten als "Klammerfiguren" punktuell mit der NSU kooperiert haben.
Anklage gegen Zschäpe wird geschrieben
Die Terrorgruppe NSU war im vergangenen November aufgeflogen. Den drei mutmaßlichen Mitgliedern Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt werden mindestens zehn Morde angelastet. Mundlos und Böhnhardt sind tot, Zschäpe sitzt in Haft. Bevor sie sich der Polizei stellte, hatte sie das Versteck in Zwickau in die Luft gesprengt.
Bis Ende des Jahres will die Bundesanwaltschaft Anklage gegen Zschäpe und einige ihrer Helfer erheben. Die Bundesanwälte wollen versuchen, Beate Zschäpe Mittäterschaft oder Beihilfe an den Morden an neun ausländischen Kleinunternehmern und einer Polizistin nachzuweisen.
Seit November 2011 sind die Ermittler der Sonderkommission "Trio" dabei, den möglicherweise größten Kriminalfall der deutschen Geschichte aufzuarbeiten. Fachleute erwarten einen Prozess, wie ihn das Land noch nicht erlebt hat - und einer, auf den nicht nur die Angehörigen der Opfer lange gewartet haben.