So, 19.05.2013 | 12:03 Uhr
Der schwärzeste Tag in der Geschichte der Olympischen Spiele begann mit einem heiteren Spätsommermorgen. Als am 5. September 1972 gegen 04:35 Uhr ein palästinensisches Terrorkommando das israelische Sportler-Quartier überfiel, brach in München ein wolkenloser Dienstag an. 21 Stunden später waren 17 Menschen tot.
Die Organisatoren in München wollten 27 Jahre nach Kriegsende "heitere" Spiele ausrichten, darunter litten die Sicherheitsvorkehrungen in eklatanter Weise. Bis heute ein Thema sind auch die Pannen des Polizeieinsatzes.
Am Mittwoch werden wohl schlecht verheilte Wunden wieder aufbrechen. Mit einer zentralen Gedenkveranstaltung auf dem Militärflughafen in Fürstenfeldbruck wird an einen Terrorakt erinnert, aber auch an ein aus heutiger Sicht ungenügendes Krisenmanagement und mangelhaftes Aufarbeiten der Ereignisse.
IOC-Präsident Jacques Rogge und der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher haben dies in den vergangenen Tagen zu spüren bekommen. "Schande über dich, IOC!", rief Ankie Spitzer, die Witwe des damals ermordeten Fechttrainers André Spitzer, Rogge während einer Gedenkstunde am 6. August in London zu. Der Belgier hatte es abgelehnt, der Opfer während der Eröffnungsfeier der Spiele in London zu gedenken.
Hans-Dietrich Genscher musste dem Nachrichtenmagazin Spiegel unangenehme Fragen beantworten. Einem geheimen Dokument aus dem Auswärtigen Amt zufolge habe der damalige Innenminister drei Wochen vor dem Anschlag Warnungen erhalten. Genscher sagte, er habe an den Vorgang "keine Erinnerung mehr".
"Terror war nicht im Bewusstsein der Verantwortlichen"
Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagte am Mittwoch im Inforadio, es sei eine Zeit "großen Schocks und großer Trauer" gewesen. Es sei ein Terrorangriff, den man sich zu dieser Zeit nicht "hatte träumen lassen".
Sie habe Verständnis dafür, dass die israelische Regierung 1972 entschieden habe, Bundeskanzler Willy Brandt nicht an der Beerdigung der Sportler teilnehmen zu lassen. Die Sportler seien als "Symbol der Versöhnung entsandt worden und in Särgen zurückgekommen", so Knobloch.
Gefühle der Trauer und Wut
Detlev Mahnert war bei den Olympischen Spielen 1972 einer von acht Stadionsprechern, damals 30 Jahre alt. Der Terrorakt habe damals auch bei allen Beteiligten im Olympiastadion große Bestürzung ausgelöst, erzählte mahnert am Mittwoch im Inforadio.
Auch das Gefühl von Wut habe sich bei ihm breit gemacht, weil "es bis dahin so schön gewesen war". Die Spiele hätten bis zu diesem Zeitpunkt ein buntes Bild des neuen, demokratischen Deutschlands in die Welt vermittelt.
Überlebende kommen zur Gedenkfeier
Neben Spitzenpolitikern aus Deutschland und Israel werden am Mittwoch in München auch Hinterbliebene der ermordeten Sportler und Überlebende des Attentats erwartet. An der Feier nehmen neben Ministerpräsident Horst Seehofer und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (beide CSU) der israelische Vize-Premier Silvan Schalom und Ankie Spitzer teil. Weitere Redner sind der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) und Thomas Bach als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes.
17 Tote durch "Schwarzer September"
Am 5. September 1972 hatten palästinensische Terroristen Mitglieder von Israels Olympiamannschaft im Olympischen Dorf als Geiseln genommen, um in Israel Gefangene freizupressen.
Der Anschlag endete auf dem Militärflughafen von Fürstenfeldbruck mit einem Einsatz, bei dem neun Geiseln getötet wurden. Zuvor hatten die Attentäter in München bereits zwei Sportler erschossen. Insgesamt gab es 17 Tote. Neben fünf Terroristen starb auch ein deutscher Polizist.
Heute ist klar, dass eine ganze Serie von Fehlern der Polizei mitverantwortlich war für das damalige Desaster. Von Beginn an stand der damalige Polizeieinsatz unter keinem guten Stern. Eine der Pannen, die in der Rückschau fast unglaublich erscheinen, ereignete sich noch im Olympischen Dorf: Fernsehkameras filmten Scharfschützen der Polizei, die auf Nachbargebäuden Stellung bezogen. Die Bilder waren live im TV zu sehen - auch für die Geiselnehmer auf dem Fernseher in der Unterkunft der Israelis.
Als Reaktion auf Fürstenfeldbruck wurde noch im September 1972 die Eliteeinheit GSG 9 gegründet.
The games must go on
Es ist der bekannteste und wohl auch umstrittenste Satz der Sportgeschichte: "The games must go on".
Avery Brundage, der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), sagte ihn bei der Trauerfeier für die am Tag zuvor getöteten elf Mitglieder der israelischen Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1972. Ob es richtig war, die Spiele fortzusetzen, ist aber bis heute umstritten.