Gedanken an eine Reise/Reiseplanung
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- Von Reisen und anderen Erfahrungen

Endlich wird wieder Qualität über Quantität gestellt. Doch die Nachhaltigkeit von Erfahrungen zu messen, ist kaum möglich. Woran wird man sich also am längsten erinnern? Das fragt sich auch Inforadio-Kolumnistin Renée Zucker.

In der Trödelmarktsendung mit dem stets nach Aufmerksamkeit heischenden Koch, antworten die meisten Menschen auf die Frage, was sie mit dem Erlös für ihre Ware machen wollen: "eine Reise".  Meistens ist es nicht mehr als ein Taschengeld, und obwohl doch eine Reise, kaum hat man sie angetreten, auch schon wieder vorbei ist - und so eine Vase schon seit Urzeiten in der Vitrine steht, scheint es den sonst so vernünftigen Deutschen nichts auszumachen, dass sie in aller Fröhlichkeit Flüchtiges gegen Standhaftes tauschen. Da hat sich hier ganz eindeutig etwas kulturell Maßgebliches verändert. Und das nicht erst, seitdem "Erfahrung" als wichtiger Wert nebst Bildung, Reichtum und Zufriedenheit erkannt wurde.

Zeit also, nicht nur Dinge, sondern auch Erfahrungen auf ihre Nachhaltigkeit zu überprüfen. Das Rätselhafte an der Erfahrungsnachhaltigkeit ist, dass man sie nicht so messen kann wie an einem Gegenstand. Die Erinnerungsdauer ist nicht vorherzusagen. Werde ich mich länger an das Licht zwischen den Häuserschluchten in der Dämmerung oberhalb der Spanischen Treppe, an die tosende Stille in den Ruinen der Hadriansvilla erinnern oder doch an das Staunen darüber, wie Diebe in Florenz zweimal Fatimas Rucksack öffneten; ich zweimal mehr zufällig, das an einem Band baumelnde Portemonnaie - einmal sogar aus einer, wie ich meine, Frauenhand - nahm, wieder in die Tasche stopfte und mit der Freundin schimpfte, dass sie immer den Rucksack offen lasse - und erst viele Stunden später begriff, wie unfassbar passend schön der Begriff "Langfinger" ist - Langfinger, an denen keine Körper, keine wieder erkennbaren Personen hängen. Frei tanzende und kunstvoll operierende 5-gliedrige Hände an Menschen unter Tarnkappen, die alles außer den Händen unsichtbar machen, die aus Gruppen auf- und wieder untertauchen und nur geöffnete Taschen zeugen von ihrer Anwesenheit.

Flüchtig, zauberhaft, gruselig und nachhaltig. Wie eine Reise.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.