Rote kurze Hosen
colourbox
Bild: colourbox

- Der November und die kurzen Hosen

So richtig warm wird es in diesem Jahr wohl nicht mehr. Aber Kolumnist Thomas Hollmann will seine kurze Hose trotzdem noch nicht zurück in den Schrank legen in diesen klimatisch uneindeutigen Zeiten, wo es scheint, als müsse man alles für alle Gelegenheiten bereit liegen haben ...

Es ist nicht so, dass ich meine kurze Hose unbedingt noch mal vor Silvester tragen müsste. Aber da ich sie nur einmal anhatte, als es im Oktober plötzlich wieder Sommer wurde, wäre es doch unökologisch, sie jetzt gleich wieder zu waschen. Zumal das Thermometer wahrscheinlich umgehend hochschießen würde, schleuderte die Hose erst einmal in der Trommel. Deshalb liegt sie weiter auf dem Stuhl, meine kurze Hose. Für alle Fälle. Und weil sich Jahreszeiten überholt haben.

Das sehe ich auch bei meinen Nachbarn gegenüber. Da ist das ganze Jahr über Weihnachten. Anfangs glaubte ich noch, die hätten nur vergessen, den Stern abzuhängen. Aber als der auch noch Ostern leuchtete, war mir klar: die lassen den jetzt durchhängen. Ist ja auch sicherer. Da muss keiner hoch auf die Leiter. Außerdem macht so ein Stern ein schönes Licht. Das kann man sich auch im Juli angucken. Und im Supermarkt gibt es schließlich ebenfalls rund um die Uhr Weintrauben. Warum sollte Weihnachten also saisonal begrenzt werden – und ich meine kurze Hose im November in den Schrank zurücklegen? Eben.

Wobei die Stühle und Schränke und Regale allmählich etwas voll werden, muss man in diesen klimatisch uneindeutigen Zeiten doch nicht nur Hosen, Jacken und Socken in allen Längen und Dicken griffbereit haben, sondern auch den Fahrradhelm. Selbst wenn man gar nicht Fahrrad fahren will, sondern nur mal schnell zu Fuß was einkaufen. Ohne Kopfschutz geht das nicht, drohen einem die Herbststürme sommers wie winters schweres Gerät auf den Deetz zu wehen.

Und so ist eine im November auf dem Stuhl liegende kurze Hose fast schon ein Sinnbild unserer post-kalendarischen Epoche: immer zu allem bereit, ohne zu wissen warum.

Vielleicht sollte ich trotzdem mal die Sonnencreme weglegen.

Zurück zur Übersicht

Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.