Utensilien der traditionellen Chinesischen Medizin
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- Von Qi-Stau und Kräutersud

Mit ihrer schmerzenden Schulter wurde Kolumnistin Renée Zucker an eine chinesische Praxis verwiesen. Dort fand sie sich zwischen maunzenden Flötentönen und einem starken Geruch auf der Behandlungsliege im dunklen Hinterzimmer wieder - und sinnierte über die chinesische Kultur.

Die schöne Zahnärztin riet wegen der heftig schmerzenden Schulter zu einer chinesischen Praxis. Neonröhren erhellten das dustere Ladenlokal. Buchstäblich umwerfender Geruch. Hinter einem absurd riesigen Tresen ein Kunststoffregal, das außer drei leeren Leitzordnern und einem alten Lappen nichts trägt. Und zwei alterslose Chinesinnen, die sich durch mein Eintreten nicht in ihrer Zwitscher-Kommunikation stören lassen. Die eine trägt einen fast bodenlangen Kittel, wie ein Kind das sich verkleidet hat; die andere Après-Skimäßig in Daunensteppweste. Sie ist die Ärztin und diagnostiziert Qi-Stau und mangelnde Essenz. Dagegen sollen jede Menge Nadeln und übelstriechender Kräutersud helfen.

Eierndes Flöten und Maunzen

Der Behandlungsraum ist ebenso dunkel wie alle anderen Räume. Lange Vorhänge trennen Liegen voneinander, die Doktorin findet und drückt jede möglichst heftig schmerzende Stelle meines Körpers, die Langkittlige sticht umgehend mit einer Nadel hinterher. Wie ein verwirrter, müder Igel vor der Winterpause werde ich mit einem Papierbogen zugedeckt und allein gelassen und falle in ein Opiumhöhlenkoma. Eiernde Flötentöne ohne Pause. Ich denke an den besten Woody Allen Film weil ohne Woody Allen, in dem Mia Farrow ständig zu einem alten, chinesischen Arzt rennt. Um mich herum Aufschreie und Stöhner, wenn die Ärztin wieder schmerzende Punkte gefunden hat, Papiergeraschel und Ruhe. Bis auf eierndes Flöten und Maunzen. Auf dem Fahrrad nachhause durch ratternde Baustellen und sirenenjaulenden Verkehr. Für einen Moment glaube ich mich in New York.

Chinesen beeindrucken jedes Mal aufs Neue mit ihrer trockenen Effizienz. Wenn sich diese quadratisch-praktisch-gut-Kultur gegen das amerikanisch-devot-hohle "Und einen schönen Tag noch"-Kassengelaber durchsetzt, hätte ich überhaupt nichts dagegen.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.