"Bücherzelle" in einer alten Telefonzelle in Berlin Charlottenburg
imago/Jürgen Ritter
Bild: imago/Jürgen Ritter

- Lebensfreude tanken

Wenn es auch tagtäglich mehr als genügend Dinge gibt, die einen fast den Glauben an die Menschheit verlieren lassen, so scheinen doch zwischendurch auch Lichtpunkte auf - kleine Begegnungen, die nicht nur den Glauben an Bildung sondern auch an die Spezies Mensch aufrecht erhalten. Kolumnistin Renée Zucker weiß von einer solchen zu berichten.

Über all dem Separierungs- und Koalierungsgedöns, gefühlten Ängsten hier und realen Abschiebungen dort, über Vertreibungen und Fluchten, selbstgerechter Besitzstandswahrung und raffinierten Betrügereien, Geld- und Machtgeilheiten kann man schon mal den Glauben an die Menschheit verlieren.

In akuten Fällen von Verzweiflung, Wut und Trauer schickt eine barmherzige Macht manchmal schöne Begegnungen. Es melden sich verschollen geglaubte Freunde, aber oft sind es auch unverhoffte Begegnungen mit Fremden, die den Pegelstand von Lebensfreude  wieder nach oben treiben.

Aus der Bücherzelle, die seit geraumer Zeit nahezu vorbildliche Ordnung aufweist, kam morgens ein Mann beginnenden Alteralters mit einem dickem Stapel unterm Arm und zufriedenem Lächeln im Gesicht. "Da haben Sie sich ja tüchtig mit Lesestoff eingedeckt" freute ich mich mit ihm. "Ich habe mal großes Latinum gemacht," sagt er, "und dachte, ich könnte doch mal was für meinen Kopf tun und mich wieder mit Latein beschäftigen" deutet auf seine Schulbuchausbeute.  "Tolle Idee," sag ich so beeindruckt wie begeistert, "das mach ich auch". "Prima", er wieder, "dann wünsch ich Ihnen dafür viel Glück" .

Mit so einer Kurzklarwahr-Unterhaltung den Tag zu beginnen ist ungemein ermutigend. Kein dösiger Smalltalk, kein dem andern seinen akuten Gesundheitszustand oder Seelenmüll vor die Füße werfen, mit dessen Entsorgung man dann den Morgen zu tun hat - sondern einfach und trocken und jeder hat verstanden. Außerdem hat es gezeigt, wie großartig solche Einrichtungen wie Bücherzellen sein können.

Der Mann sah nicht so aus, als könne er sich keine Bücher leisten, aber er war in dem Alter, indem man sich eher von Besitzesbürden befreit, als neue anzuhäufen.

Er nahm diese Bücher vermutlich nur vorübergehend auf, so wie der ehemals geplagte und nun von Bildungszwang befreite Schüler, der sie in die Zelle brachte, ein vorübergehender Benutzer war. Lebensabschnittspartnerschaften wohin man schaut.

Und ein herzlicher Austausch darüber inklusive.

Zurück zur Übersicht

Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.