Besucher mit Regenschirm im herbstlichen Berliner Mauerpark
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Bild: imago/Seeliger

- Schmuddelwetter und Herbstmelancholie

Was die Meteorologen uns für die kommende Zeit ankündigen, kann eigentlich keinem so richtig gefallen. Kolumnistin Renée Zucker sucht verzweifelt nach Hasen und Füchsen, um mit deren Hilfe - in Verbindung mit Bauernregeln - doch noch die Abzweigung zu finden, bevor sie schnurstracks auf eine Spätherbstdepression zusteuert.

Laut Wetterprognose gehts von nun an bergab. Was saisonal durchaus im Normalbereich liegt, bewegen wir uns doch in den nächsten Tagen gen November und in einstellige Klimazonen vor. Übernächstes Wochenende soll es nachts schon Null Grad werden.

Zwei der garantiert stimmenden Bauernregeln lauten ähnlich: "wenn rauh des Hasen Fell, ist der Winter bald zur Stell" und "Hat der Hase ein dickes Fell, wird der Winter ein harter Gesell". Aber wer von uns kommt Hasen schon so nahe, dass wir die Beschaffenheit des Fells beurteilen könnten. Zumal es ja hier in der Stadt gar keine Hasen, sondern nur Karnickel gibt. Da heißt es, sich die Füchse rund um den Potsdamer Platz näher anzuschauen. Aber die ruhen womöglich schon längst nicht mehr in kühlen Erdlöchern, sondern entlang wärmender Heizungsrohre - kein rauhes, dickes Fell nirgends.

"Keiner glaubt mehr an richtige Winter"

Aber sowieso glaubt kaum einer mehr an richtige Winter. Was schade ist. Nicht nur Wollmützen, Socken und dicke Pullover werden immer weniger verschenkt, auch die Schlittenindustrie muss dran glauben und niemand schreit mehr warnend "Brennholz", weil es keine echten Todesbahnen mehr gibt. Keine tanzenden Schneeflocken vor Straßenlaternen in der Dämmerung, kein behutsam pappiges Knarren unter den Profilsohlen, schon letztes Jahr konnten die Spikes gegen Glatteis in der Kiste bleiben - allerorten nur noch nasse Stürme und ewig andauernde Erkältung. Wenigstens können die wenigen Insekten überleben. Das reicht allerdings nicht, um uns in optimistisch spätherbstlich-vorweihnachtliche Stimmung zu bringen. Drachen hab ich noch keine gesehen und Tee mit Rum mag man auch nicht trinken.

Es tröstet nur eins: Wetterprognosen, die über drei Tage hinaus gehen, gelten als unseriös.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.