Frau schaut nachdenklich
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Bild: imago/Mauro Grigollo

- Narratives zum Tag

Jede Zeit hat so ihre Modewörter. Manche von ihnen werden geradezu inflationär gebraucht. Das bringt Renée Zucker dazu, in ihrer Kolumne über vergangene und künftige Modewörter zu sinnieren.  

Neulich beschwerte sich ein Medien-Beobachter über den inflationären Gebrauch der Worte "Narrativ" und "dystopisch". Tatsächlich ist das "Narrativ" überstrapaziert. Vor allem wenn Politiker es benutzen, vermutet man sofort bei allen den gleichen Erfolgsberater, der bis vor kurzem noch in der Werbung war. Dort sucht man ja tatsächlich immer wieder nach Sinnstiftung fürs eigene Tun außerhalb des bloßen Verkaufbefehls, also drückt man das gern auch seiner Umgebung auf: Denk dir einfach ne tolle Geschichte aus zu dem, was du tust und dann finden es andere auch toll.

Da man von Politikern eh kein feines Sprachbewusstsein erwartet, sondern vielmehr -  oft vergeblich - auf einen originellen Gedanken in aneinandergehängten Textbausteinen hofft, fällt also der Gebrauch des "Narrativs" für Nicht-Politiker unter strengste Nichtbenutzungsklausel.

"Dystopisch" dagegen könnte aus Buchklappentextschmieden oder Filmpressemappenherstellung stammen für literarische Produkte, die keinerlei Hoffnung mehr in die Zukunft haben. Früher hieß es "Weltuntergang" oder "Apokalypse", aber das eine klingt zu altmodisch und die Apokalypse hat trotz bösem Ausgang  noch immer die Enthüllung Gottes im Hintergrund, das heißt - da ist eine höhere Wahrheit - also noch zu viel Hoffnung. In der Dystopie ist nur noch dunkler Mist ohne Sinn und Verstand.

Das will ja keiner für immer und ewig, deshalb möchte ich  jetzt mal vorhersehen, dass in Zukunft mehr von "heroisch" die Rede sein wird. Obwohl - oder gerade, weil wir uns in "postheroischen" Zeiten befinden. Übrigens schon seit dem 19. Jahrhundert, sollte man nicht denken.

Eine Historikerin forderte jüngst, statt jedesmal einen Brennpunkt nach einem terroristischen Anschlag zu senden, "heroische Gelassenheit" zu üben.

So überraschend die Kombination, so attraktiv ist sie nach längerem Nachdenken: Heldenhaftes Nichtstun gegen posendes Locken auf der Glatze drehen. Das Narrativ ist auf jeden Fall in Ordnung und mitnichten dystopisch.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.