Hinter herbstlich bunt verfärbten Bäumen ist am 16.10.2017 in Berlin die Kuppel des Reichstags zu sehen.
dpa, Maurizio Gambarini
Bild: dpa, Maurizio Gambarini

- Summer in the City - im Oktober

Ein möglicherweise letztes sommerliches Aufflackern lässt den herbstlichen Berliner Tiergarten für Kolumnistin Renée Zucker in einzigartiger Schönheit erscheinen. Sie kann sich gar nicht satt sehen an den diversen bunten Panoramen, die sich vor ihr ausbreiten. Vergessen sind da all die düsteren Schlagzeilen der letzten Zeit über die Zustände in Berlins zweitgrößtem Park.

Seitdem der grüne Mitte-Stadtrat so tüchtig auf den Tiergarten-Putz gehauen hat, dass sogar in ausländischen Medien über die unhaltbaren Zustände berichtet wurde, entfalten sich dort größere Aufräum-Aktivitäten.

Allerdings sind sie weniger obdachlosen Osteuropäern, als ebenso faul herumliegenden Sturmopfern, so  wie der üblichen Herbstmalaise geschuldet, was - endlich endlich - zur Freude aller Kreaturen die sonst monatelang müßig herumliegenden Blätterpuster zum Einsatz bringt.

Während Laster und Kräne aus dem Umland Baumstämme zum Schreddermulch-Aufbewahrungsplatz befördern, verwöhnt der Puster-Chor unsere Ohren, die sich eigentlich noch mal mit -  Wärme und Licht geschuldetem - anschwellendem Vogelgesang vollsaugen wollten, bevor es ab in die Jahresendzeit-Melancholie geht. Inner-Städter haben aber wenig Chancen auf auditives Erbarmen, dafür aber natürlich mehr Abwechslung, die dann bei manchen zu tollen Kunststücken führen kann. So ist das ja schließlich auch gemeint gewesen mit der Sublimation.

Abgesehen von punktueller Lärmbelästigung: Der Tiergarten bei Licht betrachtet ist von einzigartiger Schönheit in diesen Tagen. Ein sattbuntes Panorama folgt dem nächsten und jeder freut sich noch mal, ob zu Fuß oder auf dem Rad über socken- und ärmellosen Genuss. Das sollte wirklich keiner verpassen.

Und vielleicht sehen Sie auch noch die kleinen schönen Land-Art- Werke, die jemand hier und dort mit Pilzen, Eicheln, Kastanien, Stöckchen und Blättern - wie Naturgedichte - auf den Wiesen geschaffen hat, bevor die Puster und Schredderer schnöden Alltag über zärtliche Stadtpoesie siegen lassen. Da kommen selbst die noch nicht geschredderten roten amerikanischen Flusskrebse wieder zum Wegespaziergang hervorgekrabbelt und bedrohen zangenfuchtelnd vorbeirasende Radfahrer.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.