"#ich bin ein airberliner" steht in Berlin auf dem Aufkleber einer Mitarbeiterin der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin
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- Rhetorische Retro-Romantik

Air Berlin ist verkauft. Jetzt heißt es: Abschied nehmen von der Fluglinie. Und da zeigen auch Journalisten Gefühl - das zumindest glaubt Kolumnist Thomas Hollmann beobachtet zu haben.

Das werden rührselige letzte Tage, bis Air Berlin zu Grabe getragen ist. Und die "Airberliner". Zuerst dachte ich, da hat jemand aus Versehen die Endung hinten drangehängt. Aber dann hieß es auch in einem dieser Vorab-Nachrufe, "Airberliner" hätten das Schokoherz in die Welt getragen. Und immer, wenn es um die unsichere Zukunft der Beschäftigten ging, waren es nicht Piloten, Stewardessen, Mechaniker, Buchhalter und Pförtner, die vielleicht keinen neuen Job finden, sondern, genau: "Airberliner".

Nun ist das ein beliebtes und durchaus erlaubtes Stilmittel von uns Journalisten, Dinge zu vereinfachen und griffig zu machen. Aber die beim Bodenpersonal für ihr Ego-Shooting verhassten Flugkapitäne verbal einzugemeinden in eine Schicksalsgemeinschaft, deren existentielle Not alle verbindet und unser Mitgefühl verlangt, das geht zu weit. Zumal sich die Frau am Schalter vielleicht gar nicht wie eine "Airberlinerin" fühlt, sondern den Job nur macht, weil sie keinen anderen bekommen hat. Weiß man’s?

"Airberliner" - das klingt ein bisschen so wie Kruppianer. Wie aus einer anderen Zeit, als sich die Malocher noch auf den Firmenpatron verlassen konnten. Und der Patron auf sie. Weshalb der seinen Namensträgern kleine, rote Backsteinhäuser mauern ließ und beide einen Bund für’s Leben eingingen.

Nur dumm, dass Arbeitsverhältnisse heutzutage häufig nur noch Verhältnisse sind. Manchmal auch nur One-Night-Stands. Märchen von der identitätsstiftenden Arbeit ändern an diesen Verhältnissen nichts. "Airberliner" ist rhetorische Retro-Romantik. Gelsenkirchener Barock in Zeiten globaler Vereinzelung.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.