Schrittzähler liegt neben Sportschuhen und Handtuch (Bild: imago/M.Zettler)
Bild: imago/M.Zettler

- Verfolgt auf Schritt und Tritt

Eine Smartwatch, die jeden einzelnen Schritt dokumentiert, Spracherkennungsgeräte, die uns bis ins Schlafgemach begleiten: manche Konsumenten können nicht genug kriegen von Selbstkontrolle - und lassen sich dann zur Sicherheit noch mal von außen kontrollieren. Renée Zucker widmet sich in ihrer Kolumne dem "Konsum der Überwachung".

Sibylle will sich mehr bewegen. Irgendwo las ich neulich, man solle 10.000 Schritte in der Woche gehen. Da muss ich sich entweder einer verguckt haben oder ein ganz fauler Sack sein - 10.000 Schritte mach ich locker jeden Morgen mit dem Hund im derzeit so geschmähten Tiergarten. Wie lahm muss man sein, um mit Stolz ein derartiges Wochenpensum vorzuweisen?

Woher ich weiß, wieviel Schritte ich gehe? Josef hat mir gezeigt, dass mein Telefon mitzählt, wenn es dabei ist. Es weiß, wieviel Stockwerke ich gehe und würde wohl auch wissen wollen, was ich esse, vermutlich um mir zu sagen, dass dieses zu viel und jenes zu wenig von was auch immer hat. Aber das geht mir zu weit. Nicht so Sibylle. Sie kauft sich jetzt ein Armband. Ich finde zwar auch, dass die Asiatin in der Armbandwerbung sehr hübsch beim Joggen, Salatblattpicken und einschlafen aussieht, möchte aber trotzdem nicht von einem Armband kontrolliert werden. Die Beobachtung durch den Hund reicht mir vollkommen.

Sibylle hat keinen Hund, aber jetzt ein Armband und ist seitdem ständig außer Atem. Ich hoffe, sie verliert es bald. Aber dann wird sie sich gleich den neuesten heißen Scheiß in Form der Levi Strauß-Jacke kaufen, die einen Bluetooth-Sender am Ärmel hat. Surveillance ist jetzt mindestens so schick wie Blockchainkauf.

Das neue Distinktionsmerkmal heißt "Konsum der Überwachung", wie ein Hamburger Kriminologe festgestellt hat. Man leistet sich den Luxus, die schöne neue Welt schön zu finden. Die neue Amazon-Alexa hat nicht nur Ohren, sondern auch Augen und ist schon länger kompatibel mit dem Staubsaugroboter Roomba. Der würde dann jetzt nicht mehr um den kollabierten Junkie Jesse Pinkman dauerrumfahren, sondern sich gleich mit 110 verbinden.

Der Kolumnist Adrian Lobe schlussfolgert: Wenn man zukünftig für ein privates Gespräch aus der Wohnung raus auf die Straße muss, könnte etwas schief gelaufen sein.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.