Twitter (Bild: colourbox.com)

- Freier Platz im Kopf

Auch Kolumnistin Renée Zucker macht sich so ihre Gedanken zum zehnten Geburtstag des iPhones. Sie fragt sich, was die ganzen Möglichkeiten, die so ein Gerät anbietet - insbesondere Twitter -, mit den Nutzer-Menschen anstellen.

Gestern war Sibylle hier. Sibylle ist 20 Jahre jünger und twittert. Wenn man mit ihr zusammen sitzt, zuckt sie manchmal ganz leicht - dann weiß ich, sie hat wieder eine Meldung auf ihr lautlos gestelltes und vibrierendes Telefon bekommen. Ich glaube, sie stellt es immer lautlos, wenn sie zu mir die Treppen hoch kommt, weil sie weiß, wie sehr ich es hasse, wenn es ständig klingelt. So seh ich sie halt zucken, aber irgendwas ist schließlich immer.

Ich habe Sibylle gefragt, was das Besondere amTwittern ist und sie sagt, man schreibt schnell auf, was einem einfällt, das sei besser als auf Facebook zu posten. Da ich nahezu alles auf der Welt besser finde als auf Facebook zu posten, finde ich die Antwort zwar nicht befriedigend aber gut.  Sibylle erzählt dann, dass sie jetzt mal Lieferservice ausprobiert. Und zwar ganz normal, aber auch den, wo man genau nach Rezept beliefert wird. Kein Gramm zu viel oder zu wenig quasi. Auch darin kann ich höchstens den Vorteil des Nicht-auf-Facebook-Postens erkennen; weil ich persönlich immer ganz gerne was im Schrank habe - zur Sicherheit frag ich aber doch noch mal nach, was toll daran ist, sich nicht selbst auszusuchen was man einkauft - und Sibylle sagt: Man habe dann den Kopf frei. Und was sie mit dem freien Platz mache? Denke sie in der Zeit, die sie nicht einkauft, tiefe Gedanken? Ich sehe an Sibylles Gesicht, dass sie sich darüber auf jeden Fall noch keine Gedanken gemacht hat, aber Gottseidank vibriert es wieder an ihr und sie muss erst mal zucken.

Mir kommt der Verdacht, dass ich alt bin. Aber dann fällt mir ein, dass Donald Trump noch älter ist als ich und auch twittert. Nirgendwo las ich, ob er auf laut oder Vibration stellt. Vielleicht interessiert ihn aber auch nicht, was andere twittern.

Er hat eben den Kopf nur für 140 Zeichen frei. Ich immerhin für 100 Sekunden.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.