Blumen zum Gedenken an die Opfer nach dem Anschlag auf einen Nachtclub in Istanbul (Türkei) (Bild: (AP Photo/Emrah Gurel)

- Nachrichtenverständnis

Der Anschlag auf den Club in Istanbul treibt auch Kolumnistin Renée Zucker um: Nachdem sie aufmerksam Nachrichten gehört hat.

Gestern irritierte in den Nachrichten wiederholt der zweite Satz anlässlich des Anschlags in Istanbul:"Unter den Opfern waren auch Ausländer" - sofort witterte ich den typisch eurozentrischen Blick, der ein Unglück erst so richtig schlimm findet, wenn auch West-Europäer, womöglich gar Deutsche getroffen sind.

"Nein nein,", sagte mein Freund Yussef - das hast du völlig falsch verstanden; ganz im Gegenteil  macht diese Tatsache, daß auch Ausländer unter den Opfern sind, das alles weniger schlimm.

Die Meldung, so Yussef, sei wortwörtlich aus den türkischen Nachrichten übernommen und sie bedeute in Wirklichkeit: Es sind keine Polizisten darunter. Das nämlich sei das Allerschlimmste in der Türkei. Und mit Ausländern seien vor allem priveligierte Türken mit zwei Pässen gemeint. Das widerum bedeute: viele vaterlandslose Gesellen waren in dieser Disco für reicher Leute Kinder. Yussef ging nicht so weit, zu behaupten, es gäbe eine gewisse Genugtuung darüber, dass es auch mal eine hedonistische Feierkultur getroffen habe, die von offizieller Seite nicht so gern gesehen und gegen die oft genug gewettert werde, aber ich konnte seinen Unterton-Verdacht hören.

Ob Yussef damit recht hat , wird man vermutlich so ohne Weiteres nicht erfahren, aber dass man Sätze in Nachrichten auf unterschiedliche Weise verstehen kann, das leuchtet sofort ein. Kennt man die Sprachgewohnheiten seiner politischen Freunde oder Feinde, versteht man den Subtext offizieller Verlautbarungen; kennt man ihre Ziele, was abgeschafft gehört und was stattdessen erwünscht ist, begreift man Meldungen anders als diejenigen, die die Hintergründe nicht so genau kennen. Und das müssen wir wissen.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.