Der Fernsehkoch Horst Lichter (Bild: imago/Eibner)

- Zuschauen ist besser, als dabei zu sein

Wieso eigentlich ist eine Fernsehsendung so erfolgreich, in der ein älterer, jovialer kleiner Mann, der keine Haare auf dem Kopf, dafür umso gezwirbelter unter der Nase versammelt, Leute dabei begleitet, Sachen zu verkaufen, wofür sie keine Verwendung mehr haben? Kolumnistin Renée Zucker versucht zu verstehen.

Wobei gerade dieses Casting adäquat ist, denn der Fernsehkoch hat selbst etwas von einem Interieur, dass man mal originell fand, was aber nicht mehr in die Zeit passt - so wie jene üppig Blumenbemalten, böhmischen Vasenlampen, Kaminuhren unter tanzenden Fruchtbarkeitsgöttinnen oder eine 50er Jahre Leuchtreklame von Sinalco.

Aber jeder Flohmarktgänger weiß, dass es für alles Zuneigung und Verwendung gibt - so auch in dieser Sendung, die fünf Händler bietet, deren Fachgebiete von Eifeltrödelmuffigem "ich kaufe alles" bis Antiquitätenverstand mit Austroschmäh reichen.

Wirkliche Experten sind jedoch die Sachverständigen, die wie freundlich unbestechliche Wächter vor dem Treppenaufstieg der Verkaufs-Tore fungieren, durch die man nur mit einer Händlerkarte schreiten darf. Wobei erstaunlich ist, wie zufrieden manche Menschen tatsächlich scheinen, wenn sie nach einer weiten Anfahrt und langem Anstehen einen Schätzwert von 70 Euro bescheinigt bekommen. Da wiegt offenbar ein "Ich-bin-im Fernsehen"Stolz mehr als der "Guter-Deal"Begehr.

Aber wieso gucken sich das immer mehr Menschen mit wachsender Begeisterung an?

Weil alle so normal sind, die da mit ihrem Zeug von der Oma, aus dem Keller oder vom Flohmarkt ankommen - und, wie man neulich in einem Interview mit der Schmuckexpertin lesen konnte, meistens viel zu hohe Erwartungen haben? Weil man etwas ähnliches vielleicht auch mal hatte oder noch irgendwo hat und man könnte auch dort stehen und der Koch würde zu einem sagen:"Sie sind aber ein ganz interessanter Mann - oder eine ganz besondere Frau" - er sagt es so oft, daß es fast schon abweisend wirkt, wenn er es nicht sagt.

Und weil es manchmal schöner ist, zuzugucken und sich was vorzustellen, als dort sein zu müssen.

Zurück zur Übersicht

Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.