Protest an der Fassade des "Filou" in der Reichenberger Straße (Bild: Martin Adam/rbb)

- Verdrängung in der Reichenberger Straße

Seit Wochen wird in Berlin-Kreuzberg gestritten. Der Grund: Nach 15 Jahren muss die Bäckerei "Filou" ihren Laden  in der Reichenberger Straße räumen. Die Anwohner im Kiez sind sauer. Es heißt, die Hausbesitzer würden Kiezkultur für hohe Mieten opfern. In der Nacht zu Donnerstag eskaliert dann der Streit. Mehrere Vermummte versuchen, die Scheiben des benachbarten Restaurants einzuschlagen. Auch wir haben gestern darüber berichtet - und unseren Reporter Martin Adam hingeschickt. Und siehe da: möglicherweise geht es gar nicht um Geld.

Sie hat bunte Monster auf die kaputten Scheiben gemalt: Kugelbäuche, Kulleraugen - immer um die Einschläge herum. Claire d´Orsay sitzt drinnen im "Vertikal", ihrem Restaurant, das sie erst im Januar eröffnet hat - direkt neben der Bäckerei "Filou":

"Gestern abend kurz nach dem Schließen - 15 Männer, alle schwarz gekleidet, haben gleichzeitig alle Fenster kaputt gemacht, mit Eisenbrechern und Hammern."

Seit Wochen werde sie schikaniert, erzählt die 32jährige aus New York. Jeden Tag würde gegen die Fenster gespuckt, auf Facebook werde sie beschimpft, sie sei sogar schon auf der Straße angegriffen worden. Denn Claire d´Orsay hat ihr Restaurant in einem Neubau eröffnet, dessen Besitzern auch das Nachbarhaus mit dem "Filou" gehört. Gleichzeitig ist einer der Besitzer auch der Geldgeber für ihr Restaurant

"Natürlich verbinden die Leute die zwei und die denken dann, dass ich etwas damit zu tun habe, was nicht stimmt."

Investor: "Es geht nicht um Mieterhöhungen"

Als das Gespräch schon fast vorbei ist, stellt sich raus: am Nebentisch sitzt Charles Skinner - eben jener Londoner Investor, der entschieden hat, dass das Filou im Sommer keinen neuen Mietvertrag bekommt. Und was er über die Bäckerei sagt, überrascht:

"Wir kommen einfach nicht mehr miteinander klar. Es geht nicht um Mieterhöhungen. Unser Verhältnis ist kaputt, es ist einfach zerüttet. Wir sind keine Freunde mehr, aus vielen Gründen. Und jetzt sagen alle, die Bäckerei soll bleiben. Das sehen wir auch so. Die Bäckerei gehört hier zur Gemeinschaft."

...nur eben nicht das Filou. Charles Skinner sagt, Geld verdiene man ohnehin über den steigenden Kaufpreis der Häuser, nicht über die Miete. Die wolle er gar nicht erhöhen. Ginge es nach ihm, sagt er, könnte hier zur selben Miete für immer eine Bäckerei bleiben. Nur nicht mit diesen Besitzern.

Filou-Besitzer: "Das wundert uns total"

"Diese Besitzer", das sind Nadja und Daniel Spülbeck. Auch sie sind bisher davon ausgegangen, dass sie wegen der Mieten rausmüssen:

"Das wundert uns total. Wir hatten immer das Gefühl, dass das Verhältnis gut war. Wir wünschen uns natürlich sehr, mit den Eigentümern wieder ins Gespräch zu kommen. Denn wir haben keinen Plan B. Und wir möchten in dem Kiez bleiben, wir möchten da weiter unseren Laden betreiben, das ist unsere Heimat."

Das "Filou" betreiben sie schon seit 15 Jahren, elf davon mit Charles Skinner als Vermieter. Die Angriffe auf Claire d´Orsay und das "Vertikal" finden sie falsch

"Das ist eine Form des Protestes, die wir überhaupt nicht gutheißen. Wir protestieren gegen unsere Kündigung, aber wir möchten nicht, dass Dinge und vor allem keine Personen zu Schaden kommen."

Da sind sich die Spülbecks und Claire d´Orsay einig. Die findet das "Filou" übrigens super.