Mi, 16.05.2012 | 23:32 Uhr
Anfangs versammelte sich das neugierige Volk nahe dem Gendarmenmarkt "hinter der Katholischen Kirche Nr. 3, zwei Treppen hoch", um sich die ersten Ausgaben der "Berliner Abendblätter" "in der Stunde von 5-6 Uhr abends" druckfrisch abzuholen.
Wegen des großen Andrangs übernahm eine Leihbibliothek in der Jägerstraße 25 die geordnete Verteilung. Denn so etwas hatte es noch nie gegeben: eine mit aktuellen Meldungen gespickte Tageszeitung, die den Wissenschaftsjournalismus erfand und das bürgerliche Feuilleton gleich mit. Und mit exklusiven Polizeirapporten war zugleich die Zensurbehörde, in Gestalt des Polizeipräsidenten, als Materiallieferant mit im Boot:
"In der Nacht vom 14. bis 15. hat sich ein 77jähriger Gelbgießergeselle in seiner Wohnung Niederwallstraße, erhängt."
Auf vier Seiten billigsten Papiers im Din-A-5-Format wurde große, kleine und Halbwelt ab dem 1. Oktober 1810 so abgebildet, als sei sie direkt dem Kleistschen Kosmos entsprungen. Zudem eignete sich diese "ideale Wurstzeitung" nach dem Lesen zum Einwickeln von Stullen - wie die Gebrüder Grimm spotteten, deren Sammelleidenschaft die erhaltenen Ausgaben zu verdanken sind.
Wie bei all seinen Projekten war Kleist auch beim Zeitungmachen mit Feuer und Flamme bei der Sache. Als alleiniger Redakteur hob er seine Geschichten ins Blatt und er bog Fremdtexte der Grimms, von Clemens Brentano oder Achim von Arnim, nach seinem Gusto um:
"Kleist ist der beste Kerl, er giebt jetzt ein Abendblatt im Hitzigschen Verlage heraus; es soll sich vorläufig gar nicht auf Belehrung oder Dichtungen einlassen, sondern mit allerlei Amüsantem die Leser ins Garn locken ..."
In 153 Ausgaben blühte Bizarres wie Geschichten von mordenden Bärenmüttern oder einem 240 Pfund schweren 10jährigen in Paris, neben Reportagen, seriöser Theater- und Kunstkritik und flammenden Aufrufen zur allgemeinen Volksbildung.
Und dann verscherzte es sich Kleist wieder mit allen. Erst legte er sich mit dem allmächtigen Berliner Theaterfürsten Iffland an, der ihm die Aufführung seines Theaterstücks "Das Käthchen von Heilbronn" verweigert hatte - und verlor die Lizenz zum Theater kritisieren. Dann brachte er sich mit Attacken gegen die Hardenbergschen Sozialreformen um die Gunst der Protektion.Und statt ihm weiter exklusiv Polizeiberichte zu liefern, guckte der Zensor noch genauer hin.
Am 30. März 1811 erschien die letzte Ausgabe der "Berliner Abendblätter". Und doch hatte Kleist damit Maßstäbe gesetzt, wie sie noch heutigen Tages-Journalismus prägen. Einmal mehr kam der Gefühlsextremist auch mit seinem Zeitungsprojekt einen Tick zu früh … Am historischen Ort, in der Jägerstraße 25, ist kein Zeitungsviertel entstanden.
Ein Beitrag von Ute Büsing.