Mi, 16.05.2012 | 23:32 Uhr
Das Kopfsteinpflaster ist schon ein bisschen bucklig. Rechts und links säumen große Villen und Einfamilienhäuser mit Veranden und Giebeln die Straße. Ruhig ist es hier, bis auf ein paar Autos und den Rasenmäher ein paar Ecken weiter. Aus den Gärten duftet es süßlich, die Zweige der Apfelbäume hängen schwer. Eine ältere Dame wird von ihrem Mann ans Gartentor gebracht. Seit 35 Jahren leben die beiden in der Straße. Gerne - auch wenn sich einiges verändert habe.
Ältere Dame: "Die war früher schöner und ruhiger. Es wird viel gebaut. Die Leute sind rücksichtsloser, jeder denkt, er kann machen, was er will. Wie üblich… (lacht)."
Heinrich von Kleist? Vom 200. Todestag hatten die beiden gehört. Aber mit dem Schriftsteller beschäftigt haben sie sich nie, geben sie zu.
Einige Hausnummern weiter hilft ein Jugendlicher seinen Eltern bei der Gartenarbeit und transportiert Kompost in einer Schubkarre. Ob er denn schon mal was von Kleist gelesen habe?
Jugendlicher: "Äh, nee. Nee, habe ich nicht," sagt er und geht wieder seiner Arbeit nach.
Also weiter zu den zwei Frauen, die sich auf dem Gehweg unterhalten. Sie sprechen über Baulärm und nervende Nachbarn. Kleist? Da erwische man sie auf dem falschen Fuß, sagen sie. Aber über einen anderen bekannten Bewohner könnten sie berichten. In der Hausnummer 17 habe der Architekturhistoriker Julius Posener gelebt …
Eine Frau: "... der noch im hohen Alter täglich mit einer Gruppe von Studenten um die Häuser gezogen ist, um zu unterrichten."
Denn Anschauungsmaterial gab und gibt es in der Kleiststraße genug. Viele Häuser sind hundert Jahre alt. Generaldirektoren, Regierungsräte und Professoren ließen hier bauen. Mit Kleist selbst hat die Straße eigentlich nichts zu tun, auch wenn er unweit von hier, am Kleinen Wannsee Selbstmord begangen hat. Die beschauliche Straße in Zehlendorf ist Teil eines Dichterviertels, das um 1900 angelegt wurde. Man trifft auf weitere bekannte Namen, zählt eine Anwohnerin auf.
Anwohnerin: "Da ist Goethestraße … was issn noch.. Klopstockstraße. Ach, allet mögliche is hier."
In Berlin gibt es noch eine zweite Kleiststraße. Sie verbindet den Nollendorfplatz mit dem Wittenbergplatz. Doch die hat noch weniger mit Heinrich von Kleist zu tun. Sie ist nach Friedrich von Kleist benannt, einem preußischen Generalfeldmarschall. Der Kleistpark in Schöneberg hingegen erinnert tatsächlich an den Schriftsteller: Vor genau hundert Jahren erhielt er seinen Namen, anlässlich des 100. Todestages.
Ein Beitrag von Anna Pataczek.