Mi, 16.05.2012 | 23:32 Uhr
Der Stadtführer Michael Bienert startet seine Tour unweit des U-Bahnhofs Mohrenstraße. Heute haben in der Gegend Behörden ihren Sitz, vor zweihundert Jahren galt das Viertel als mondän.
Michael Bienert: "Dieses Gebiet der alten Friedrichstadt war um 1800, was heute der Prenzlauer Berg für Berlin ist. Es war ein Viertel, in dem extrem viele Leute, die mit Literatur, mit Theater, mit Kunst zu tun hatten, wohnten."
Kein Wunder, dass Kleist sich hier 1810 eine Wohnung gesucht hat. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Vieles im Leben ausprobiert. Er war Soldat, Student – und beinahe Staatsbeamter gewesen. In Berlin wollte er sich nun eine neue Existenz aufbauen. Da war ein Netzwerk wichtig.
Michael Bienert: "Und wenn wir jetzt ein Paar Schritte weiter gehen, dann sehen wir das sogenannte Kleisthaus."
Wir stehen inzwischen vor der Mauerstraße 53. Kleists Wohnhaus steht heute nicht mehr. An seiner Stelle wurde 1912 ein Bankgebäude errichtet, das sogenannte Kleisthaus. Ein Fassadenrelief von Georg Kolbe erinnert an den Dichter.
Damals wohnten ein Paar Häuser weiter Achim von Arnim und Clemens Brentano in einer Art Schriftsteller-WG. Kleist war mit ihnen befreundet. Sie haben in Briefen beschrieben, wie Kleist hier lebte.
Michael Bienert zitiert Achim von Arnim in einem Brief an W. Grimm:
Zitat: "Er ist der unbefangenste, fast zynische Mensch, der mir lange begegnet, hat eine gewisse Unbestimmtheit der Rede, die sich fast dem Stammern nähert und sich in seinen Arbeiten durch stetes Aussstreichen und Abändern sich äußert. Er lebt sehr wunderlich, oft ganze Tage im Bette, um da ungestörter bei der Tabakspfeife zu arbeiten."
Kleist war ein genialer Projektemacher, der abwechselnd die Einsamkeit und den Austausch mit anderen suchte. Von seiner Wohnung in der Mauerstraße aus entwickelte er sein Zeitungsprojekt, die Berliner Abendblätter.
Michael Bienert zeigt die späteren Verkaufsstellen, hat Faksimiles dabei und führt auch zum Schlossplatz. Nachdem seine Zeitung nach nur einem Jahr schon wieder geschlossen worden war, schrieb Kleist Briefe an den König und verlangte eine Entschädigung.
Michael Bienert: "Ziemlich harter Tobak, diese Briefe zu lesen. Man kann aber daraus schließen, dass Kleist finanziell und nervlich enorm zerrüttet war. So dass man durchaus auch sagen kann, dass die preußische Regierung mit zu Kleists Selbstmord beigetragen hat."
Bevor Kleist im Herbst 1811 den Freitod wählte, vollendete er in Berlin „Prinz Friedrich von Homburg“. Einige Szenen des Dramas spielen vor dem Berliner Schloss, wo auch die Stadtführung von Michael Bienert endet.
Christoph Tanneberger über den Stadtrundgang "Kleists Berliner Skandale". Die nächste Tour startet am Freitag, dem 22. Juli um 19.00 Uhr.