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Ein Tag im Leben des Königs

Potsdam 1750: Es ist die Zeit des Friedens zwischen seinen blutigen Eroberungsfeldzügen … Seit seiner Heimkehr aus dem 2. Schlesischen Krieg 1745 ist Friedrich II. nun "Friedrich der Große". Und bis ihn seine Untertanen „Alter Fritz“ nennen werden, ist es noch Jahre hin. – Der König widmet sich jetzt dem Aufbau seines Staates und seiner Regimenter, frönt seinen geistigen und musischen Interessen. Es ist die Epoche als Philosoph von Sanssouci. - Endlich ist nun auch der französische Dichter Voltaire der Einladung des Königs nach Potsdam gefolgt … 

Seit dem 10.Juli 1750 weilt Voltaire am preußischen Königshof. Auch dadurch ist es für Friedrich II. ein recht entspannter Sommer. Annette Miersch hat Seine Majestät einen Tag lang begleitet:

Durch die weit offenen Flügelfenster fällt erste Morgensonne in Friedrichs Schlaf- und Arbeitsgemach auf Schloss Sanssouci. Noch schlaftrunken sitzt der König auf der Kante eines eisernen Soldatenbettes. Er steckt sich Kirschen, seine Lieblingsfrüchte, in den Mund und zielt auf eine Vase aus Meißener Porzellan: 
Friederich: spuckt - Zack, hab ich Dich! Elende! Dir werd ich’s zeigen!

Knurrig reibt sich der kleine, untersetzte Mann Hände und Füße. Der Rheumatismus macht dem 38-jährigen heut stark zu schaffen.
Friedrich: Fredersdorf, bringe Er meine Korrespondenz!

In Bittschriften und Berichte vertieft, lässt sich Friedrich vom Kammerlakaien den Zopf herrichten. Weißen Puder noch auf die Perücke, Parfümwolken nehmen den Atem. Sein mit Brillantknöpfen besetzter Brokat-Rock ist nach der neusten Pariser Mode.

Hunde kommen herein.
Friedrich: Hunde haben doch alle guten Eigenschaften des Menschen, ohne gleichzeitig ihre Fehler zu besitzen.
Stürmisch ist die Begrüßung mit den Hunden. Die Windspiele ringen Seiner Majestät das erste Lächeln des Tages ab.

Das zweite schenkt er dann dem Dichter und Philosophen Voltaire, draußen auf den Weinbergsterrassen: Friedrich verehrt den Franzosen seit seinen Rheinsberger Jahren. Er sieht in ihm den ersten Mann seines Jahrhunderts. Erst ein paar Wochen weilt der Mittfünfziger am Hof des Preußen-Königs: 

Voltaire: Mein König, Dank für Eure Verse, die Ihr mir als Nachtlektüre überlassen habt! - Nun, da Ihr sie als "Werke des Philosophen von Sanssouci“ drucken lasst, verleiht Ihr ihnen einen würdigen Rahmen.

Lob von Voltaire

Friedrich genießt das Lob. Er breitet die Arme aus und rezitiert, voll Leidenschaft den Spazierstock schwingend, aus seiner "Ode an die Preußen": 

Friedrich: Alles danket ihr eurem eignen Werte, Ihr, des Schlachtengottes Lieblingskinder, Lorbeerstolze Völkerüberwinder, alles, alles eurem Heldenschwerte.

Nach einer kurzen Atempause setzt Friedrich - nun wieder abgekühlt - hinzu.

Friedrich
Mein Ehrgeiz ist, dass ich am Ende meiner Tage mehr als ein anderer zur Vergrößerung meines Hauses getan, unter den gekrönten Häuptern von Europa ein große Rolle gespielt habe.

Die beiden Männer sind im Halbrund der Kolonnaden hinter dem Schloss angekommen. Vom Ruinenberg wehen warme Windböen herüber, zerren an den Rockschößen. Voltaire lehnt sich an eine der mächtigen Säulen: 

Voltaire: Prächtig! - Aber noch bewundernswerter als Dicht- und Kriegskunst sind mir Eure Anstrengungen, die preußische Rechtsprechung zu reformieren!

Friedrich: Danke, mein lieber Voltaire. So ist es. - In Gerichtshöfen müssen die Gesetze sprechen und muss der Herrscher schweigen!

Zeit für Bitten und Inspektionen

Der König nimmt eine tüchtige Prise Schnupftabak aus seiner edelsteinverzierten Tabatiere. Erfrischt eilt er zurück ins Schloss, die Bittsteller und Gnadengesuche des Tages anzuhören.

Volk: Seine Majestät, so habt doch Erbarmen

Friedrich: Schon wieder lauter Kriegskrüppel und Witwen!
… stöhnt Friedrich innerlich. Die Unterhaltskosten für die Invaliden sind dem König ein Dorn im Auge. Ebenso Edelleute, die um Geld oder Beförderung ersuchen.

Der englische Gesandte Sir Charles Hanbury Williams, der ebenfalls auf eine Audienz wartet, verfolgt das Treiben mit einiger Neugier. Friedrich ist ein Monarch, der alles bis in Kleinste selbst entscheidet. Sein despotisches Regiment versetzt den Ausländer immer wieder in Erstaunen. Williams macht schnell einige Notizen für einen Brief nach London.

Sir Charles Hanbury Williams
: Friedrich lässt seinen Untertanen keine andere Freiheit als die des Denkens. Dieser Zwang geht durch alles Stände und Misstrauen drückt sich auf jedem Gesicht aus… Das ganze preußische Land ist ein Gefängnis im buchstäblichen Sinne des Wortes! – Dennoch werden Ihnen die Preußen mit sehr ernsthaftem Gesicht sagen, dass ihr jetziger König der barmherzigste Fürst ist, der jemals regiert hat, und dass er Blutvergießen hasst.

11 Uhr - Zeit für die tägliche Militär-Inspektion. Da das Wetter schön ist, exerziert Friedrich mit der Garde eine Stunde. Seinen Offizieren schärft der dabei - so wie immer - ein, unbedingten Gehorsam bei den Soldaten durchzusetzen:

Friedrich: Meine Herren, merken Sie sich: Ein preußischer Soldat muss seinen Offizier mehr fürchten als den Feind!

Nach der Arbeit wird musiziert

Nach dem Mittagsmahl bricht eine Hof-Gesellschaft zur Baustellenbesichtigung auf. Barfuß und mit hungernden Mägen stehen leibeigne Bauern, bettelnde Weiber und Waisen im Straßenstaub, als der prächtige Adels-Tross vorüberzieht. - Hoch zu Ross geht es an die östliche Stadtgrenze von Potsdam. Friedrich lässt hier eine Siedlung für böhmische Weber- und Spinner errichten. Nowawes - neues Dorf - soll sie einst heißen.

Den Aufbau der neuen Kolonie leitet Oberst Wolf Friedrich von Retzow. Er begrüßt den König inmitten der aufgewühlten Landschaft. Retzow hatte sich schon bei der Trockenlegung des Oderbruchs bewährt. Der knausrige Friedrich weiß, was er an ihm hat: 

Friedrich: Versprechen Sie dem fremden Manns- und Weibsvolk ein sicheres Auskommen bei uns! Wenn die erst einmal hier sind, können sie eh nicht wieder weg! – Aber schaffen Sie auf alle Fälle Webstühle auf unsere königlichen Kosten an.

Nun naht der schönste Teil des Tages - daheim im Lustschloss Sanssouci. Wortlos verschwindet Friedrich gegen 17 Uhr in der mit Zedernholz getäfelten Bibliothek. In dem kleinen, fast runden Zimmer sind die Buchregale für ihn extra niedrig angebracht. Alle Bücher sind in französischer Sprache. Das Deutsche hält der König für grobschlächtiges Kauderwelsch. - Niemand darf jetzt stören. Höflinge und Diener schleichen draußen für fast 2 Stunden auf Zehenspitzen. Bis Friedrich genug vom Lesen hat: 

Friedrich: Lasst uns nun endlich musizieren!

Pompöse Goldverzierungen an Wänden und Decke, hohe Spiegel, tiefrote Vorhänge – im kerzenerleuchteten Konzertzimmer nimmt eine der abendlichen Männerrunden des Königs ihren Anfang: Friedrich stellt sich an seinen Notenständer. Vor ihm das kleine Hoforchester. Hinter ihm lauschen ein Handvoll aufgeputzter Kavaliere. - Hingebungsvoll traktiert der König seine Querflöte aus dunklem Ebenholz.

Unangefochtener Zeremonien-Meister ist Friedrich auch beim letzten Akt des Tages: der Abendtafel. Unter den Kristallleuchtern im Marmorsaal entspinnt sich ein Disput über Künste, Wissenschaften und Politik. – Als Friedrich schließlich zu einem seiner gefürchteten, endlosen Monologe ansetzt, nimmt Freigeist Voltaire Reißaus, ein Unwohlsein vortäuschend. Die anderen Herren sind gefangen. Für Stunden noch, bis Seine Majestät zufrieden die Tafel selbst beendet: 

Friedrich: Auf, auf! Morgen gibt es wieder viel zu tun. Und Nichtstun ist doch halber Tod. Das Leben äußert sich nur in der Tätigkeit.

Ein Beitrag von Annette Miersch

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