Do, 23.05.2013 | 17:36 Uhr
Anthea ist 20 Jahre alt, lebt in Berlin und kommt ursprünglich aus einer Mittelstandsfamilie in Stuttgart: Ihr Vater ist Architekt, die Mutter Yoga-Lehrerin. Nach dem Abi ist Anthea auf eigene Faust nach Nord-Indien gegangen, um dort den Einsatz von Spendengeldern für ein Sozialprojekt in einem Krankenhaus zu dokumentieren.
Bei einem anschließenden Praktikum in einer Kunstgalerie hat sie gemerkt, dass sie der Kulturbetrieb beruflich interessiert. Danach ist sie noch mehrere Wochen in Mexiko unterwegs gewesen – wieder allein. Anschließend habe sie sich für ein Studium entschieden, sagt sie, weil sie Lust habe, zu lernen - "wieder geistigen Input zu bekommen".
Weil ihr Abi-Schnitt mit 2,4 eher so mittelmäßig war, hat sich Anthea bundesweit gleich an 22 (!) Unis für verschiedene Kombinationen aus Kunst- oder Kulturgeschichte mit diversen Regionalwissenschaften beworben. Die Recherche auf diversen Uni-Websites und Studenten-Foren, sowie die ganze Bewerbungs-Bürokratie hätten einen ganzen Monat gedauert.
Dabei hätte sie nur zehn Studienplätze davon auch wirklich antreten wollen, die anderen zehn habe sie nur als "Absicherung" gewählt, um nachher nicht ohne Studienplatz dazustehen. Dieses „unberechenbare Prozedere aus wahlloser Bewerbung“ und anschließendem „Zusagen an Plan B, um dann wieder abzusagen, wenn Plan A doch noch zusagt“ findet sie "eigentlich total verrückt, völliger Quatsch - total sinnfrei".
Nach den Absagen der Nachrrückerplatz in Potsdam
Nachdem sie aus Mexiko zurück kam, war der Briefkasten voll: Absagen über Absagen, einige wenige Zusagen, z.B. in Bochum, Bremen und Dresden – letzteren Platz hat sie angenommen. Als dann die Nachrückverfahren anliefen, kam sie noch bei weiteren Studiengängen rein – denn als Nachrücker zählt vielerorts nicht mehr die Abi-Note, sondern nur noch der Platz im ersten Vergabeverfahren.
Nun beginnt Anthea an der Uni Potsdam ein Bachelor-Studium aus Kulturwissenschaften und Spanisch, das sie im letzten Augenblick ergattern konnte. Bei der Wahl ihres Faches sei ihr nicht so wichtig gewesen, „wie gut die Berufsaussichten in einer bestimmten Branche sind oder wie gut die Uni in Rankings abschneidet“. Viel wichtiger sei, „was inhaltlich interessant klingt und wo auch die Stadt interessant ist“ – denn nur wenn das Studium Spaß mache, könne man das auch drei Jahre lang und unter einem gewissen Druck erfolgreich studieren.
Sie wolle „das jetzt einfach mal ausprobieren“ und sich „im wahrsten Sinne des Wortes weiter ausbilden“. Anthea sagt, sie studiere nicht, „um später mal viel Geld zu verdienen“ – Hauptsache sei, sie bleibe flexibel und finde später einen Job, der ihr Spaß macht.
"Persönliche Freiheit, sich zu entwickeln.."
Anthea findet, dass ihre Generation unter großem Druck steht: „Alle aus meinem Jahrgang denken, sie müssten jetzt irgendwas studieren und dabei möglichst schnell sein’“ – es herrsche Konkurrenzdenken und große Angst, später keinen Arbeitsplatz zu bekommen. Studieren bedeute für Anthea aber vor allem die persönliche Freiheit, sich zu entwickeln und zu lernen, was sie für sich gut findet. Das dafür nötige Maß an Disziplin wolle sie unbedingt aufbringen, auch wenn sie sich selbst „nicht für die Disziplinierteste“ hält – besonders da zwischen Wohnort und Hörsaal eine ganze Stunde S-Bahn-Fahrt liegt….
Ihre Eltern machen ihr keinen „Karrieredruck“, sagt sie. „Schließlich arbeiteten die heute auch nicht in dem Bereich, den sie einmal studiert haben“. Schon einige Male hätten sie ihr gesagt, sie seien sogar froh, ein paar Jahre früher geboren und „heute nicht an ihrer Stelle stehen zu müssen“. Finanziell wird sie von ihnen unterstützt, lebt außerdem von Erspartem. Sie wolle aber schnellstmöglich einen Studi-Job finden, um das zu ändern, sagt sie - notfalls wolle sie dafür auch „bei Rewe an der Kasse“ arbeiten. Anthea wohnt aktuell noch zur Zwischenmiete in Berlin, will aber bald eine WG gründen. Eine bezahlbare Wohnung zu finden sei aber wahnsinnig schwer, gerade in den Kiez-Bezirken, die ja auch ein Grund für die Studienort-Wahl gewesen sind.
Nach dem Studium will Anthea am liebsten gleich in die Praxis – eine akademische Laufbahn sei „höchstens eine Option“. Sie befürchtet aber, dass der Bachelor allein nicht ausreichen könnte auf dem Arbeitsmarkt, sie also noch einen Master dranhängen sollte. „Und dann geht der ganze Bewerbungs-Stress wieder von vorn los!“
Ein Beitrag von Samuel Jakisch.