Mo, 20.05.2013 | 08:58 Uhr
Sie dürfen noch keinen Mietvertrag unterschreiben, dafür aber Mietrecht studieren: Mehr und mehr Studenten an Universitäten der Hauptstadtregion sind minderjährig. Frühe Einschulung und verkürzte Schulzeit machen es möglich. Sebastian Schöbel ist der Frage nachgegangen, ob das nicht doch alles etwas zu schnell geht. Dafür hat er sich mit einem von Berlins akademischen Frühstartern getroffen.
Niklas Runow aus Marzahn ist ein Exot. Mit 17 studiert er bereits Maschinenbau an der Beuth Hochschule in Berlin. Mit 21 wird er voraussichtlich seinen ersten Abschluss in der Tasche haben - in dem Alter haben viele seiner Kommilitonen ihr Studium gerade erst begonnen.
Runow: "Gerade wenn man sieht, wer sonst noch so an der Universität ist, wenn man sieht, dass die drei, vier, teilweise zehn Jahre älter sind, dann ist das schon ein Unterschied."
Ungewöhnlich werden Niklas und die anderen U18-Studenten schon bald nicht mehr sein. Viele Kinder in der Hauptstadt werden schon mit fünf Jahren eingeschult, die Schulzeit bis zum Abitur wurde auf 12 Jahre verkürzt. Alles, damit die akademische Laufbahn so früh wie möglich beginnt - so der erklärte Wille der Politik. Klingt gut - und ist trotzdem falsch, sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbandes und Rektor eines Gymnasiums im bayerischen Deggendorf.
Meidinger: "Ich habe den Eindruck, auch gerade von meiner Schule her, dass die Gruppe der Schüler, die nach dem Abitur gar nicht wissen, was sie machen soll, eindeutig zunimmt."
Der Druck auf Deutschlands Gymnasiasten steigt, sagt Meidinger: Noch früher als sonst müssen sie Entscheidungen treffen, die den Rest ihres Lebens bestimmen könnten.
Das geht vielen Abiturienten zu schnell, merkt auch der Studien- und Berufsberater Dennis Bus: "Man nimmt sich als junger Mensch oft viel zu wenig Zeit, um sich mal mit seinen Stärken und Erfahrungen auseinanderzusetzen. Wenn man diese Zeit nicht investiert hat man hinterher vielleicht ein Problem das zu finden, was zu einem passt."
Ein Jahr Pause nach dem Abitur kann sinnvoll sein, sagt Bus. Zeit für ein paar Praktika, eventuell auch im Ausland, oder einfach für eine längere Reise. Genau das hatte Niklas Runow eigentlich auch vor.
Runow: "Ein Kumpel von mir ist jetzt nach Australien gegangen und ich wollte eigentlich mit, weil er mein bester Freund ist. Das Problem ist, dass man mit unter 18 kein "Work-and-travel" und ähnliches machen kann."
Deswegen fing er direkt mit dem Studium an. Aber auch da ist es für Minderjährige nicht unbedingt einfacher. Für vieles brauchen sie die schriftliche Erlaubnis der Eltern: für die Anmeldung zum Hochschulsport, für den Bibliotheksausweis, und natürlich die Wohnungssuche. Berlin hat deswegen eine spezielle Quote eingeführt. 5 Prozent der Studienplätze sollen für Minderjährige aus Berlin und Brandenburg reserviert sein, damit diese bei ihren Eltern wohnen bleiben können.
Auch Niklas wohnt noch zu Hause, erst mit 18 will er ausziehen. Seine Zukunft hat er genau geplant: Nach dem Bachelor kommt noch der Master oben drauf, danach will er arbeiten gehen. Was ihm durch die verkürzte Schulzeit verloren gegangen ist, hat er nur durch Erzählungen seiner Vorgänger erfahren.
Runow: "Die 11. Phase war mehr eine Gammelphase, wo man nicht viel gemacht hat, am meisten gefeiert und entspannt, sag’ ich mal. Schade. Aber kann man auch alles nachholen."