Mo, 20.05.2013 | 08:44 Uhr
Für Anthea, unsere angehende Kulturwissenschaftlerin an der Uni Potsdam waren die letzten Tage des Semesters besonders anstrengend, denn sie hatte gleich fünf Prüfungen zu bestehen – darunter eine ganz besonders schwere. Samuel Jackisch hat sie begleitet.
Zur Prüfungszeit ist es voll in der Unibibliothek Grimm-Zentrum in Mitte. Die angespannte Stimmung ist für Anthea noch ungewohnt.
Anthea: Das ist eine so krasse Atmosphäre, weil Du einfach weißt, dass alle Köpfe gerade rattern.
Doch genau deswegen ist sie hergekommen. Bisher hat sich Anthea nämlich immer zuhause auf Klausuren vorbereitet. Und sich dann oft beim Kaffee mit der Mitbewohnerin verplaudert. Für die schwere Prüfung in Sprachwissenschaften will sie sich nun zum konzentrierten Lernen zwingen. Sie muss die Klausur bestehen, sonst wäre schon im ersten Semester klar, dass sie ihre Regelstudienzeit nicht einhalten kann.
Anthea: Ich hab ehrlich gesagt jetzt noch gar nichts gemacht für Sprachwissenschaft [lacht verlegen]. Mir geht es auch echt nur darum, durchzukommen. Ich war da ungefähr zwei Drittel von den Terminen, und ich saß da drinnen und mir hat das überhaupt nix gebracht.
Im gläsernen Lesesaal schlägt Anthea den Hefter mit der Aufschrift "Elemente der Sprachtheorie" auf. Etwas unmotiviert pustet sie sich die Haare aus dem Gesicht und fängt an, die losen Mitschriften ordentlich auf kleine weiße Karteikarten zu übertragen. Das Abschreiben hilft ihr beim Einprägen der drögen Linguistik-Definitionen von Phonemen, Morphemen und Lexemen.
Am Tag der Prüfung warten Anthea und ihre Mitstudenten in der Mensa der Uni Potsdam darauf, dass es endlich losgeht. Antheas widerwillige Haltung ist verschwunden: Bis zur letzten Minute paukt sie mit angespannter Miene Syntax-Modelle und Definitionen. Ihr Kommilitone auf dem Stuhl gegenüber kann sich ein Lächeln nicht verkneifen - so engagiert kennt er Anthea gar nicht.
Anthea: Die historische Sprache, das haben wir schon definiert, die sich aus diatopisch, diastratisch und diaaa … phasisch … und die funktionelle Sprache aus syntopisch, syntratisch …
Als die Aufgaben-Blätter im Audimax durch die Reihen gehen, wird es unter den 200 Studenten plötzlich still. Anthea zückt den Kugelschreiber, beugt sich tief über ihr Blatt und schreibt energisch los. Schon nach einer Stunde ist sie fertig, drängelt sich aus ihrer Stuhlreihe, legt die Klausur behutsam in einen Pappkarton auf dem Tisch des Professors und schleicht aus dem Saal.
Dass es soo leicht würde, damit hat sie nicht gerechnet. Sie sieht fast ein bisschen enttäuscht aus.
Anthea: Ich glaub, das war zu viel Stress, den ich mir vorher gemacht habe. Also man hätte sich das auch in zwei Stunden reinpauken können, glaub ich.
Manöverkritik am Abend in einer Neuköllner Kneipe: Auch wenn sie für ihre letzte Klausur sogar zu viel gelernt hat, ist sie stolz, ihre Bequemlichkeit überwunden zu haben. Bei ihrer ersten großen Prüfung in Spanisch war das noch anders: Damals hatte sie auf sich und eine Portion Prüfungsglück vertraut - und wurde prompt zum Nachsitzen in einen Aufbau-Kurs geschickt.
Anthea: Ich bin jetzt nicht zum Streber geworden oder hab mich total in meinen Verhalten geändert, aber: Wenn ich jetzt so reflektiere würde ich schon sagen, dass ich das für meine Verhältnisse gut durchgezogen hab, was getan habe und eigentlich schon zufrieden bin.
Was sie mit ihrem Kulturwissenschafts-Studium mal anfangen will, das war Anthea vor einem halben Jahr noch weniger wichtig – Hauptsache, erstmal studieren. Heute macht sie sich konkrete Gedanken über ihr weiteres Leben, sie will sie sich einen Praktikumsplatz suchen.
Anthea: Ich möchte einfach mal Menschen treffen, die vielleicht nicht Kulturwissenschaften, aber irgendwas in meinem Bereich studiert haben. Und ich will gern sehen, was die damit am Ende angestellt haben, denn ich frage mich: Was mach ich damit dann mal eigentlich wirklich?
Welcher Beruf auch immer es am Ende werden wird: Mit ihrem ersten erfolgreichen Semester ist Anthea ihrer eigenen Zukunft ein großen Schritt näher gekommen.