Mit Kreide auf Pflaster "Sekundarschule" geschrieben, in Schreibschrift (Quelle: rbb/Martina Schrey)

Von der 7 d im Jahr 2010 ...

ISS Sekundarschule Röntgenschule Klassenfoto 7d (Quelle: Röntgenschule)

Die Bilanz einer Schulreform - Sekundar geht´s lang

Es war ein Wagnis für alle: Über zehntausend Schüler und hunderte Lehrer machten sich 2010 in Berlin auf den Weg in ein neues Schulsystem. Keiner wusste, was ihn unterwegs erwartet und wie das Ganze enden würde. Inforadio hat Schüler der Neuköllner Röntgenschule von der siebten bis zur zehnten Klasse begleitet, ist mit ihnen und ihren Lehrern durch Höhen und Tiefen gegangen. Im Sommer starten die Schüler ins Berufsleben oder wechseln auf eine weiterführende Schule. Doch das Ziel ist noch längst nicht erreicht. Die erste Generation Sekundarschule erzählt.

Mehr zum Thema

... zur 10 d im Jahr 2014

Das sagen die Schüler

Blendona Demiraj (Bild: Bild: rbb-inforadio)
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- Blendona Demiraj

nimmt das Leben, wie es kommt

Mahmoud El-Faour (Bild: rbb-inforadio)
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- Mahmoud El-Faour

wusste, dass er Schulsprecher wird

Orkan Othan, Schüler der Neuköllner Röntgenschule (Sekundarschule) (Quelle: rbb/Julia Rehkopf)
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- Orkan Othan

macht sich Sorgen um sein Abitur

Rosa Esono Obono (Bild:Bild: rbb-inforadio)
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- Rosa Esono Obono

liest am liebsten Gruselgeschichten

Das waren die vier Jahre

  • Der Schulbeginn

    Der Wechsel ist für alle aufregend. Nicht nur die Schüler, auch die Lehrer besuchen ab sofort eine andere Schule: Die Neuköllner Röntgen-Sekundarschule ist ein Zusammenschluss aus Kurt-Löwenstein-Hauptschule und Röntgen-Realschule. Zum Schulbeginn beziehen sie gemeinsam ein neues Gebäude in der Wildenbruchstraße an der Grenze zu Treptow. In der 7d lernen erstmals Schüler mit Haupt- und Realschulempfehlung zusammen. Noch ist die Schule eine Baustelle. Vor allem für knurrende Mägen ein Problem ...

  • Anlaufschwierigkeiten

    ... denn die Kantine kann zwar nach den Herbstferien endlich eröffnen, doch warmes Essen gibt es immer noch nicht. Ein Wasserschaden ist nicht der einzige Grund – noch immer ist nicht klar, welches Essen die Schüler wollen und die Eltern bezahlen können. Die Turnhalle ist nicht fertig renoviert, der Sportunterricht muss woanders stattfinden. Zudem sucht die Schule noch nach Kooperationspartnern für das Nachmittagsangebot, sodass es außerhalb des Unterrichts kaum AGs gibt. Gebüffelt wird trotzdem - doch das Niveau in der 7d  ...

  • Zwischen Aufbruch und Ernüchterung

    ... ist sehr unterschiedlich, bei den Halbjahreszeugnissen hagelt es vor allem für die Schüler mit Hauptschulempfehlung Vieren und Fünfen. Klassenlehrerin Gabriela Lehnen fürchtet, dass das Unterrichtstempo für sie zu schnell ist. Gleichzeitig beschweren sich die leistungsstarken Schüler, dass sie nicht zügig vorankommen. Die beiden Klassenlehrer haben das Problem, dass sie kein Unterrichtsmaterial bekommen, um die schwachen und die starken Schüler gleichermaßen unterstützen und fördern zu können. Erst einmal bleibt ihnen deshalb nur ...

  • Reporterin Gabriele Heuser interviewt Lehrer Detlef Bachmann (Bild: rbb-Inforadio)
    rbb-Inforadio

    Das erste Jahr ist geschafft

      ... die Fortschritte jedes einzelnen Schülers der 7d zu dokumentieren und in einem Logbuch festzuhalten, das die Eltern regelmäßig unterschreiben müssen. Ob und wieviel sie lernen wollen - die Vorstellungen der Schüler klaffen weit auseinander. Aber: Keiner muss fürchten, sitzen zu bleiben, das gibt es in der Sekundarschule nicht mehr. Die ehemalige Hauptschullehrerin Gabriela Lehnen ist trotzdem besorgt, dass einige den Anschluss verlieren. Ex-Realschullehrer Detlef Bachmann tut sich schwer damit, dass manche nicht einmal ...

  • C.P.E. Bach (Quelle: rbb)
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    Bach und seine Fugen

    ... die Grundrechenarten beherrschen. Und auch für ihr Allgemeinwissen müssen die Schüler der 8d was tun. Wer war 1955 eigentlich Bundeskanzler und was ist eine Fuge? Weil die Röntgen-Sekundarschule ihre Zöglinge so früh wie möglich auf die Berufswelt vorbereiten will, üben Gabriela Lehnen und Detlef Bachmann schon mit den 13-jährigen, was in Bewerbungsgesprächen alles auf sie zukommen könnte - im nächsten Jahr stehen die ersten praktischen Erfahrungen an. Doch das das gemeinsame Lernen fällt schwer, denn ...

  • Halbzeit

    ... oft fehlt die Ruhe zum konzentrierten Arbeiten, weil ein paar Schüler ständig stören. Gemeinsam stellen die Schüler der 8d Klassenregeln auf. Das scheint zu helfen. Drei Schüler wechseln in eine Praxis-Klasse und haben nur noch an zwei Tagen die Woche Unterricht an der Schule. Auch für die übrigen brechen andere Zeiten an: Bislang wurden alle gemeinsam unterrichtet - nach den Sommerferien werden die Hauptfächer in Grund- und Erweiterungskurse aufgeteilt. Die einen hoffen, dann schneller voranzukommen. Die anderen ...

  • Maurerkelle und Schwesternkittel

    ... dass der Druck etwas nachlässt. Jetzt steht auch das erste Betriebspraktikum an. Im Unterricht bereiten sich die Schüler der 9d darauf vor, wie sie sich verhalten sollen, wenn dabei was kaputt geht oder die S-Bahn ausfällt und sie nicht pünktlich bei der Arbeit sind. Das Lokale Berufliche Orientierungswerk (LBO) bietet nachmittags AGs an, in denen die Schüler üben können, Bewerbungen zu schreiben. Wer will, kann sich vom UNIONHILFSWERK einzeln coachen lassen. Fliesenleger, Krankenschwester, Gastronom – das Spektrum ist breit. Und dann ...

  • Schülerin kurz vor der Matheprüfung (Bild: rbb-Inforadio)
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    Die ersten wichtigen Prüfungen

    ... stehen schon die Prüfungen zum ersten möglichen Schulabschluss an: Was früher der einfache Hauptschulabschluss war, heißt heute Berufsbildungsreife. Drei Schüler schaffen es nicht. Sie bleiben weiter in der Klasse und bekommen am Ende des 10. Schuljahres auf jeden Fall den einfachen Abschluss, können auch noch die erweiterte Berufsbildungsreife oder sogar den Mittleren Schulabschluss (MSA) erlangen. Regelmäßig kommt eine Berufsberaterin der Arbeitsagentur in die Schule. Doch Unsicherheit und Versagensängste ...

  • Die Zukunft planen

    ... führen dazu, dass längst nicht alle dieses Angebot wahrnehmen. Aber: Die Klasse ist ruhiger geworden, die Schüler der 9d können mittlerweile besser zusammen lernen. Auch die Aufteilung der Hauptfächer Mathe, Deutsch und Englisch in Grund- und Erweiterungskurse hat dazu beigetragen: Manche Schüler, die erstmal im Grundkurs gelandet sind, haben ihren Ehrgeiz entdeckt – und es geschafft, in den höheren Kurs aufzusteigen. Einige haben sogar schon eine mögliche Ausbildung im Kopf. Für Orkan ist klar ...

  • Schüler im Betriebspraktikum, eine Kelle mit frischen Nudeln in der Hand (Bild: rbb-Inforadio)
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    Verantwortung übernehmen

    ... er will Sternekoch werden. Das zweite Praktikum, das alle Schüler nun machen müssen, bestärkt ihn darin. Für Mahmoud hat sich ein anderer Wunsch erfüllt: Der Bruder von sechs Schwestern wird Schulsprecher. Wer sich bei einem großen Unternehmen ausbilden lassen will, muss sich jetzt schon bewerben. Da die Röntgen-Schule keine eigene Oberstufe hat, stellen sich Oberstufenzentren an der Schule vor – für die, die das Abitur anstreben oder den mittleren Schulabschluss doch noch schaffen möchten. Das ...

  • Jetzt wird’s ernst

    ... könnte sogar mehr Schülern gelingen, als anfangs gedacht. Die selbst gebaute Leistungskurve von Lehrer Bachmann zeigt, dass der Durchschnitt stetig besser geworden ist. Gabriela Lehnen ist ebenfalls zufrieden. Auch wenn nicht alle Noten top sind - das Sozialverhalten ist so gut wie früher in der Realschule. Jetzt zeigt sich, wer nach dem Abschluss der 10. Klasse den Übergang in die gymnasiale Oberstufe schaffen könnte. Dafür muss der Schnitt auf dem Abschlusszeugnis mindestens 3,0 sein. Orkan hat sich umentschieden: Er will ...

  • Der Prüfungsbogen der MSA-Prüfung Mathe (Bild: rbb-Inforadio)
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    Die 10d ist voll im Prüfungsstress

    ... Abitur machen und Ökotrophologie studieren. Chahira hat einen Ausbildungsvertrag als medizinische Fachangestellte in der Tasche, Mahmoud geht zur Bundeswehr. Blendona will unbedingt zu einer weiterführenden Schule. Doch nicht alle hat die Sekundarschule fit gemacht für den erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben: Vier Schüler haben noch keine Idee von der Zukunft, waren weder freiwillig in der Berufsberatung noch haben sie Bewerbungen geschrieben - trotz aller Bemühungen der Lehrer.

Das sagen die Lehrer

Lehrerin Lehnen beim Biologie-Unterricht (Bild: rbb-Inforadio)
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- Klassenlehrerin Gabriela Lehnen

würde mit ihrer Klasse überall hingehen

Lehrer Bachmann steht an der Tafel ( Bild: rbb-Inforadio)
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Klassenlehrer Detlef Bachmann

fehlen manchmal die Druckmittel

Das sagen die Anderen

Portrait Gabriele Heuser, Redakteurin Inforadio (Quelle: rbb/Heuser)

Meine Erfahrungen mit der Sekundarschule - "Theorie und Praxis stimmen oft nicht überein"

Es waren aufregende vier Jahre. Inmitten einer Klasse, in der die einen gern lernen, während die anderen lieber den Klassenclown spielen. Mit zwei Lehrern, die mit viel Geduld und Fantasie versucht haben, ihre Schüler für den Unterricht zu interessieren. Und Eltern, die zwar am Erfolg ihrer Kinder interessiert sind, oft aber einfach nicht durchblicken. Was bleibt, sind viele Fragen. Von Gabriele Heuser

dpa

Warum die Berliner Schulreform unausweichlich war - Hauptschüler waren überhaupt nichts mehr wert

Sämtliche Rettungsversuche waren gescheitert – die Hauptschule in Berlin als Bestandteil des dreigliedrigen Schulsystems hatte keine Überlebenschance. Weder für Eltern noch für Lehrer und Betriebe galt ihr Angebot als attraktiv. Andere Bundesländer machten es vor, Berlin zog nach und schaffte vor vier Jahren die Hauptschule ab. Die Reform war dringend nötig. Von Anne-Katrin Mellmann und Martina Schrey

Fragen und Antworten zur Sekundarschule - Wie alles besser werden soll

Was genau bedeutet eigentlich ISS und was ist duales Lernen? Warum war die Schulreform in Berlin überhaupt notwendig und was hat sie gekostet? Welche Abschlüsse kann man auf der Sekundarschule erreichen und was passiert, wenn man an der Berufsbildungsreife-Prüfung scheitert? Haben sich die Hoffnungen erfüllt oder behalten am Ende die Kritiker recht?

Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie es die anderen Bundesländer halten - Stadtteil-, Regional- oder immer noch Hauptschule

Weniger Schüler durch den demografischen Wandel, ein schlechtes Image der Hauptschule und soziale Probleme vor allem in den Stadtstaaten machten Bildungsreformen nötig. Zwei unterschiedliche Linien lassen sich in Deutschland erkennen: Hin zur Sekundarschule oder Festhalten an der Hauptschule mit gestärktem berufsvorbereitenden Profil. Aber, im Bildungs-Föderalismus gilt: Jeder kocht sein eigenes Süppchen.

Die Akteure

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  • - Die Schüler

    Erstmalig gab es für die einen keine Hauptschule, für die anderen keine Realschule mehr. Doch nicht alle Schüler freuten sich vorbehaltlos auf die neue Sekundarschule. Die einen fürchteten, nicht genug zu lernen und von den schwächeren Schülern runtergezogen zu werden. Die anderen waren skeptisch, ob sie überhaupt mithalten können - oder doch wieder genauso abgestempelt werden wie früher die Hauptschüler.

  • - Die Schule

    Die Neuköllner Röntgen-Schule entstand als Integrierte Sekundarschule aus dem Zusammenschluss der ehemaligen Röntgen-Schule am Richardplatz (Realschule) und der Kurt-Löwenstein-Hauptschule. Gemeinsam bezogen beide Kollegien zu Beginn des Schuljahres 2010/11 ein für sie neues Gebäude an der Grenze zu Treptow. Schulleiter der neuen Sekundarschule wurde Detlef Pawollek, der vorher Rektor an der Löwenstein-Hauptschule war.

  • - Die Lehrer

    Die 7d der neu gegründeten Röntgen-Schule hatte von Anfang an zwei Klassenlehrer. Gabriela Lehnen unterrichtet Biologie und Chemie, sie war vorher Lehrerin an der Hauptschule. Detlef Bachmann hat früher an der Realschule unterrichtet. Seine Fächer sind Mathe und Erdkunde. Während Gabriela Lehnen sich freut, wie gut die Sekundarschüler mitarbeiten, hadert Detlef Bachmann lange damit, dass sie weniger leisten, als er es gewohnt ist.

  • - Die Politik

    Die Politik musste reagieren. Seit Jahren war Berlin bundesweit Schlusslicht, im Schnitt jeder Zehnte brach die Schule ohne Abschluss ab. Besonders die Hauptschulen hatten mit ihrer schwierigen Klientel zu kämpfen, obwohl hier mehr Lehrer deutlich kleinere Klassen unterrichteten. Ausgerechnet das Konjunkturpaket II brachte 2009 die Sache in Schwung. Jetzt war genug Geld da, um Real- und Hauptschulen zur Sekundarschule zu verschmelzen.

  • - Die Reporterin

    Gabriele Heuser arbeitet seit 2004 als politische Berichterstatterin, Reporterin und Moderatorin beim Inforadio des rbb. Sie kommt aus dem Rheinland, hat Abitur an einer Klosterschule gemacht und in Köln, Edinburgh und Bonn Anglistik, Germanistik und Philosophie studiert. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter, die ebenfalls die 10. Klasse einer Berliner Sekundarschule besucht.

Nahaufnahme Sekundarschule - Reportagen von 2010 - 2014

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Bunte Kreidestücke in einer Schale (Quelle: dpa)
dpa

Erste Generation Sekundarschule - eine Bilanz

Die erste Generation Sekundarschule in Berlin macht ihren Abschluss - Zeit für eine Bilanz. Wissenschaftler, Unternehmer, Schulleiter und Politiker reden im Inforadio über Chancen und Tücken der größten Berliner Schulreform. Auch die Schulen selbst kommen zu Wort.