André Sawicki ist in diesem Stadteil aufgewachsen (Bild: Dieter Freiberg)
Klaus Dieter Freiberg
Bild: Klaus Dieter Freiberg

#dasbrauchtdeutschland - Sechs Wählerinnen und Wähler - "Ich habe nicht viel erwartet"

Die Leute sollen nicht so viel meckern, sondern selbst mal mit anpacken - das ist das Credo von André Sawicki. Er leitet ein Kirchen-Café in Berlin-Staaken und ist im Großen und Ganzen politisch ziemlich zufrieden, hat er Inforadio-Reporterin Sylvia Tiegs versichert. Ein kleines bisschen hat ihn der Wahlkampf aber doch irritiert.
 

André Sawicki bearbeitet die Tuja-Hecke in seinem Garten, das hat er im Urlaub nicht mehr geschafft. Und er stellt fest - die Hecke ist in den letzten Wochen eindeutig weiter vorangekommen als der Wahlkampf: "Also, verpasst habe ich nichts - ich habe aber auch nicht viel erwartet." Schon im Frühsommer hatte er bei Politikerauftritten in seinem Bezirk Spandau den Eindruck: so richtig in Fahrt kommt die Sache nicht.

Deshalb hat André Sawicki auf sein politisches Grundgefühl zurückgegriffen, und das spürt nach links. Zu 80 Prozent ist er sicher, wen er wählen will: "Ich wähle tradtionell die Sozialdemokratie. Und die CDU hat mir jetzt kein Futter gegeben, um zu sagen: Ich schwenke jetzt mal um."

Die Kanzlerin biegt ihm zu viel zurecht

Die CDU biete ihm zu wenig auf dem Gebiet, das ihm am wichtigsten ist: die Sozialpolitik. Außerdem traut André Sawicki der Kanzlerin nicht mehr so richtig über den Weg: "Frau Merkel hat ja irgendwann mal gesagt: 'Eine Maut wird es mit mir nicht geben'. Jetzt im Interview hat sie gesagt: 'Eine Maut zu Lasten der deutschen Autofahrer wird es nicht geben.' Also man biegt sich das auch immer so hin, wie man es benötigt."

Deshalb glaubt er Angela Merkel auch ihre Beteuerungen nicht, eine Rente mit 70 werde es mit ihr nicht geben. "Aber sie gewinnt die Wahl trotzdem - natürlich clever von ihr", sagt er halb bewundernd, halb verärgert.

Denn eigentlich wünscht sich André Sawicki eine starke SPD. Er hält sie für sozialer und glaubwürdiger. Sawicki ist zwischen den Hochhäusern von Berlin-Staaken aufgewachsen - wo Unterstützung für die, die wenig haben, immer wichtig war. Auch bei seiner Arbeit im evangelischen Kirchencafé Pi8 trifft er täglich Arbeitslose, Alleinerziehende, Alte mit kleiner Rente.

Von ihren Sorgen war im Wahlkampf zuwenig die Rede, findet er: "Altersarmut, also Altersvorsorge, bezahlbarer Wohnraum - das sind alles so Themen, die untergehen." Gerade da hatte André Sawicki von der SPD mehr erwartet, seine Favoriten fand er er hier ziemlich schwach. Im Gegensatz zur Linkspartei.

Eine starke Linke wäre sein Wunsch

"Ich finde, dass sie gute Themen haben, die sie ansprechen. Dass sie die etablierten Parteien doch unter Druck setzen, viel nachhaken, viel nachfragen. Und dass es ganz gut wäre, wenn die Linken doch ihre zehn, fünfzehn Prozent als Oppositionspartei haben und damit gut arbeiten."

Wählen aber will er die Linke nicht - jenseits der Sozialpolitik gefällt ihm die Partei nicht gut genug. Dann doch lieber nochmal die Sozis. André Sawicki hofft auf eine Neuauflage der Großen Koalition, hält aber auch Schwarz-Gelb für möglich. Wäre auch kein Drama, meint er. Und schnippelt weiter an seiner Hecke.

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#dasbrauchtdeutschland
imago/rbb; Collage: rbb

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